Ingo Marmulla - virgin-jazz-face

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Redakteure & Bespr.
Alex Conti - Jazz Blues Fusion
 
Bad Emstal, 25.5.17 - Kurz vor 12 Uhr treffe ich in Bad Emstal (Naturpark Habichtswald) ein. In einer neu angelegten Ferienwohnanlage treffe ich mich mit Alex Conti. In dieser idyllischen Lage wohnt er seit einiger Zeit und fühlt sich hier als ehemaliger Großstädter (Berlin / Hamburg) sichtlich wohl. Per Handy und zusätzlichem Winken während meines Hilfetelefonats werde ich zu seiner Wohnung gelotst. Er hat schon alles vorbereitet für unsere Duo-Probe...
 
Es war mir vor einigen Wochen gelungen, Alex Conti zu einem „Opener-Konzert“ in die Recklinghäuser Altstadtschmiede einzuladen. Zu den klassischen Jazzopenern der JazzIni kann durchaus auch mal ein Vertreter des Blues-Rock stoßen, vor allem, wenn er so deutliche Jazzanleihen aufweist, wie Alex. Für mich ist er einer der besten Bluesgitarristen auf dem Kontinent. War er doch schon mit 17 Berufsmusiker in Berlin, lebte in London und tourte mit Inga Rumpf und Atlantis durch die Staaten. Mit „Lake“ gelangte er in die Charts und tourte wiederum als Vorgruppe von Lynard Skynyrd durch Europa und die USA. Es folgten Solo-Alben und eine Zusammenarbeit mit Herwig
Mitteregger. Mit der Hamburg-Blues-Band begleitete er diverse englische Rockstars. Überflüssig weitere Stationen zu erwähnen ...
 
Zurück zur Altstadtschiede ... Wie bereitet man ein solches Konzert in vor?

Antwort: Man fährt nach Bad Emstal. Die Band für diesen Abend steht eh:
 
Bernd Gremm – drm (blueserfahren), Stefan Werni (Allrounder), Thomas Hufschmidt (bluesaffiner Pianoprofessor). Aber ein persönliches Treffen eine Woche vor dem Konzert ist doch unerlässlich und eben auch spannend.
 
Nachdem mir Alex seine Gitarren zeigt und seinen Marshall erklärt beginnt unsere Probe, immer wieder unterbrochen von gegenseitigen Anekdötchen.
 
A.C. – Vielleicht sollten wir mit den einfacheren Bluesstücken beginnen. Da brauchen wir eigentlich nur die Tonart fest zu legen. „Top of the Hill“ von John Mayall.
 
... Wir spielen den Song und üben den zweistimmigen Gesang ...
 
A.C. – Ich war mal bei einem Konzert von John Mayall. Ich war noch Schüler, ging in der Pause in den Backstageraum. Er spielte damals mit Mick Taylor. Ich nahm seine spezielle Gitarre und spielte ein wenig darauf. Ich konnte nicht anders. Mayall bat mich damals gentlemanlike, nicht auf seiner Gitarre zu spielen. Er kam mir vor, wie ein Gott. Er war was Besonderes für den Blues in Europa und hatte auch Spaß an Experimenten: Mal eine Band ohne Schlagzeug, oder „Jazz Blues Fusion“ mit Blue Mitchell ... Clapton, Peter Green ... alle wichtigen Londoner Gitarristen gingen in seine Lehre.
 
I.M. – Wie wäre es jetzt mit „Talk to me, Baby“ von Elmore James. Ich kenne es eigentlich nur von der „Ocean Boulevard“-LP. Als ich beim Bund in Schleswig war, hab ich in der Musikbox immer „I shot the Sheriff“ gedrückt. Damals hab ich übrigens Atlantis in Rendsburg gesehen. Aber ich glaube, du warst nicht dabei. Ihr hattet doch die Wahnsinnsplatte „Atlantis Live“ raus.
 
A.C. – Ja. Für diese Platte bekomme ich heute noch Tantiemen. Ich werde häufig nach dieser Platte gefragt. Ich glaube, als du Atlantis gesehen hast, war ich gerade ausgestiegen, so 1975 ... Aber die Clapton-Version („I can’t hold out“) kenne ich irgendwie nicht ... Lass uns den Song in C-Dur spielen...
 
So geht es weiter mit den einfacheren Songs im 12er Bluesschema. Dann kommen die Instrumentals an die Reihe. Alex hat vor acht Jahren die CD „Shetar“ herausgebracht. Mit „She“ ist die Gitarre gemeint. Vier Titel sollen gespielt werden. Wir vergleichen meine Leadsheets mit den CD-Aufnahmen und legen den Ablauf fest. Diese Musik ist komplexer, da die Vocals von der Gitarre übernommen werden und der Ablauf der Kompositionen nicht mehr improvisiert werden kann: „You might need somebody“ von Randy Crawford in Eb-Moll.
 
I.M. – Alex, wenn man dich hört, dann hört man neben dem Blues-Idiom auch deutliche Jazz-Einflüsse.
 
A.C. – Ja, klar. Irgendwann hörte ich neue Aufnahmen von Miles Davis, mit John McLaughlin an der Gitarre. Miles kannte ich zwar schon mit Coltrane, aber das hier war neu. Dann gab es vor allem viele neue britische Jazzrockbands. „Soft Machine“ war für mich ein Erweckungserlebnis. Später spielte die Band mit Allan Holdsworth, da wusste ich, man muss weiter suchen, man darf nicht stehen bleiben. Es gab Bands wie „If“, „Nucleus“ oder den Gitarristen Chris Spedding etc. Die Engländer zeigten neue Wege auf. Und die neueren amerikanischen Bluesgitarristen spielten eh wesentlich mehr, als die ursprüngliche Pentatonik. Da musste man einfach mit gehen ...
 
Kaum möglich, in diesem kurzen Report das gesamte Gespräch wieder zu geben, obwohl das für viele Gitarristen interessant wäre. Aber das Thema Hendrix sei noch erwähnt:
 
I.M. – Sogar heute noch, wenn ich Hendrix auf YouTube sehe, bin ich total weg...

Leider hab ich ihn nicht live erleben dürfe. Fehmarn wäre vielleicht noch eine Möglichkeit gewesen, aber es hat halt nicht sein sollen.
 
A.C. – Mach dir nichts draus. Da wärest du wahrscheinlich enttäuscht gewesen!

Ich habe ihn dreimal gesehen. Das erste Mal 1967 in der „Neuen Welt“ in Berlin. Da hatte er gerade die Single „Hey Joe“ heraus. Die LP war noch gar nicht erschienen. Das hat mich umgehauen. Ein Marshallturm, spielerisch unglaublich gut, einfach unfassbar. Dann Ende 1969 im Sportpalast. Da hörte man nur noch Gitarre. Er spielte über vier Marshalltürme zu allen Seiten. Das Schlagzeug war kaum zu hören, der Bass klang wie ein einziger wummernder Ton. Trotzdem war das noch ein Erlebnis. Dann 1970, kurz vor Fehmarn. Buddy Miles war kurz vorher aus „Band of Gypsys“ ausgestiegen, Mitch Mitchell spielte wieder und Cox am Bass. Er wirkte irgendwie ausgebrannt. Ich weiß noch, dass ich mich das Konzert total gefrustet hat.
 
Nach unserer „Probe“ mache ich noch ein Foto für diesen Bericht und begebe mich auf den Weg ins nahe gelegene Göttingen, wo mich schon einige Jazzfreunde erwarten. U.a. gibt es da eine Jazz-Session im „Apex“. Doch bevor das am Abend passiert, schicke ich noch eine SMS an Alex: „Albert Lee war vor zwei Tagen im „Nörgelbuff“. Unglaublich! In den Siebzigern haben wir für 20 Mark in den Kellergewölben gespielt ...“
 
Rückmeldung A.C.– Ja, natürlich! Allein die Hamburg Blues Band hat da mindestens zehn Konzerte gespielt. Ich war immer gerne da ...
 
Text & Foto: Ingo Marmulla

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Paul Heller invites Biréli Lagrène
 
Köln, 12.2.2017 - Der Saal des Kölner Stadtgartens ist prall gefüllt, der Gastgeber der Reihe „Next Level Jazz“, der WDR-Bigband Saxophonist Paul Heller, empfängt die Gäste des heutigen Abends: Martin Gjakonovski am Bass, Hans Dekker (sein WDR-Bigband Kollege) am Schlagzeug und natürlich Biréli Lagrène, der Star an der Gitarre. Letzterer wurde vom anwesenden Publikum mit Spannung erwartet. Ein Gitarrist, der als Wunderkind auf seinem Instrument zunächst auf den Pfaden von Django Reinhardt wandelte, der sich aber weiter entwickelt hat und heute mit seinem Spiel Maßstäbe auf seinem Instrument setzt.
 
Ohne die Titel anzukündigen legt das Quartett los. Es erklingt „Autumn Leaves“, wie alle folgenden Stücke ein gängiger Standard des Jazzrepertoires. Der Set beginnt kraftvoll und energiegeladen. Das erste Solo ist für Lagrène bestimmt. Während dieser sehr entspannt und eher zurückhaltend mit einem Akkordsolo beginnt, übernimmt Heller mit überschäumender Spielfreude und lotet die Grenzen des Stückes aus. Es wird schnell klar, heute werden Standards gespielt, die alle Anwesenden kennen, aber selten auf diesem Niveau live erleben dürfen: „There is no greater Love“, „St. Thomas“, „Lover Man“ ... Während Gitarre und Sax sich gegenseitig anfeuernd ausdauernd und technisch brilliant improvisieren, legen Gjakonovski am Bass und Dekker das harmonische und rhythmische Fundament. Besonders letzterer überzeugt in seinen Soli beim Kölner Publikum.
 
Heller und Lagrène bilden ein kongeniales Paar. Wie mag die Stückeauswahl erfolgt sein? Wurde überhaupt geprobt? Das überzeugende Zusammenspiel basiert auf der spontanen ideenreichen Kommunikation und der Bereitschaft, auf thematische Impulse zu reagieren. Heller darf man zu Recht als einen der hervorragendsten Vertreter seiner Generation auf dem Tenor bezeichnen, modern, power-geladen, technisch überzeugend in schnellsten Tempi. Lagrène lässt sich von Hellers Tempi jedoch nicht beeindrucken und stellt gelassen sein eigenes Spielkonzept vor. Mal spielt er mit dem Plektrum schnelle Melodielinien, mal lässt er die Gitarre sanft erklingen und erinnert so mit seiner Daumenspielweise an Wes Montgomery. Flagolett-Töne, Arpeggien, impressionistisch angehauchte Akkordfolgen, Blues- und Funkzitate – das ganze Spektrum aktueller Ausdrucksmöglichkeiten beherrscht er souverän. Sein musikantisches Spiel ist zudem immer durchzogen von „humoristischen“ Musikzitaten.
 
Nach der Pause beginnt Lagrène solo mit einer Gitarrenfantasie. Hier zeigt er sein ganzes Können. Allein von Django Reinhard ist nur noch wenig zu verspüren. Man merkt, Lagrène hat sich stilistisch freigeschwommen.
 
Der Abend endet mit Rollins’ „Oleo“ , gespielt in einem irrwitzigen Tempo. Die Komposition, zunächst thematisch vorgetragen nur von Gitarre und Sax, anschließend durch die Rhythmusgruppe ergänzt, setzt durch die Improvisationskunst aller Beteiligten zu einem Höhenflug an, der das Publikum zu Ovationen hinreißt. Ohne Zugabe darf der Abend nicht zu Ende gehen.
 
Der nächste Termin der Reihe „Next Level Jazz“: 12.3.17 – Paul Heller invites Richie Beirach & Adam Nussbaum
 
Text & Fotos: Ingo Marmulla

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Neun Jazz-Fotografinnen & Fotografen aus NRW im domicil in Dortmund
Katrin Scherer „Momentum“

Katrin Scherer – Saxophon
Benjamin Schäfer – Keys
Fabian Arends - Drums

Dortmund, 04.09.2016 | Auch wenn Fotografen häufig eine ruhige Konzertatmosphäre stören können, so sind sie dennoch ein wichtiger Bestandteil der Musikszenerie, zumindest ein wichtiger Bestandteil des Jazz. Auf Jazzfotos kann man häufig zum ersten Mal die Intensität des musikalischen Ausdrucks eines Musikers entdecken. Die Mimik, die Geste beim Improvisieren, die Aura der künstlerischen Persönlichkeit, seine „optische“ Strahlkraft, hier in der Zweidimensionalität werden sie besonders sichtbar.
Umgekehrt sind für Fotografen Jazzmusiker deshalb so interessant, weil diese ganz unterschiedlich, sehr individuell agierend und optisch häufig recht extrovertiert sein können. Hinzu kommt die Nähe des Fotografen zu seinem Zielobjekt. Frei nach Capas Grundsatz, möglichst nahe am Ort des Geschehens zu sein, haben die Jazzfotografin und der Jazzfotograf beim Jazzkonzert in der Regel noch eine gute Möglichkeit, diesen Anspruch zu erfüllen.
Neun dieser Fotograf(inn)en wurden mit ausgewählten Schwarz-Weiß- bzw. Farbfotos in der Vernissage der Fotoausstellung im historischen Treppenhaus des Dortmunder domicil`s vorgestellt und sind dort mit ihren Arbeiten noch bis zum 21.Dezember. zu sehen. Kuratiert wurde das Projekt durch Kurt Rade und das Team Kunstgruppe Domicil.
Die Auswahl der Fotokünstler fiel dabei auf Profis und Amateure, die „allesamt renommierte Könner ihres Fachs“ sind, und „sich zudem schwerpunktmäßig der fotografischen Dokumentation und Umsetzung von Jazzkonzerten widmen“. Zu sehen sind: Jana Heinlein, Elisa Essex, Sven Thielmann, Christoph Giese, Heinrich Brinkmöller-Becker, Gerhard Richter, Peter Tümmers, Lutz Voigtländer, Christian Westphalen.
In seiner Eröffnungsrede wies Kurt Rade auf die diversen Herangehensweisen sowie auf die unterschiedliche Musikerauswahl hin. Da gibt es spektakuläre Aufnahmen von Weltstars wie Miles Davis, Ray Charles, Betty Carter (Sven Thielmann) zu sehen, oder Avantgardekünstler in völlig neuer Serientechnik in Schwarz-Weiß (Heinrich Brinkmöller-Becker). Allen Fotos kann man das gemeinsame Ziel entnehmen, die menschliche Seite des kreativen Musikers zu beleuchten und die musikalische Seele „verstärkt“ abzulichten. Der Kölner Fotograf Gerhard Richter ergriff zum Ende des Eröffnungsaktes noch einmal die Gelegenheit, sich für die Teilnahme an dem Projekt zu bedanken, und zeigte sich überrascht von der Vielfalt der Jazzangebote im Ruhrgebiet. Da möchte man ihn und auch weitere verwöhnte Kölner Lichtkünstler ermutigen, häufiger den Kamerablick über die Stadtgrenze hinaus zu wagen. Zwischen den Redebeiträgen gab es solistische Einlagen der Saxophonistin Katrin Scherer, die mit ihrer Band „MOMENTUM“ anschließend im Domicil auftrat.
Ich hatte die Gelegenheit im Gespräch mit Katrin im Vorhinein einige Informationen zum neuen Bandprojekt zu erhalten. Der Name dieses neuen Projektes passte an diesem Abend besonders gut. Hat doch Henri Cartier-Bresson für die Fotografie den Aspekt des „entscheidenden Augenblicks, des entscheidenden Moments“ geprägt, so wird hier dieser Grundsatz in Scheres neuer Band auf die improvisatorische Zeiteben übertragen: Entscheidungen des Moments bestimmen den weiteren Verlauf des gemeinsamen Musizierens. Das Trio mit Benjamin Schaefer am Keyboard, dem an diesem Abend ersatzweise spielenden Percussionisten Dominik Mahnig und Katrin Scherer führte diese momentanen Entscheidungen überzeugend herbei. Der Rahmen war freilich vorgegeben durch die Kompositionen, die alle von Katrin Scherer stammen. Die Titel dieser Stücke verraten häufig noch nicht all zu viel: „Moonraker“ („... der beste James Bond Film mit Roger Moore...“), 5:30 AM oder „Stück Nr. 12“ („Wenn jemand einen guten Titel für das Stück weiß, möge er sich später melden ...“). Häufig begegnen wir mehr als einem Thema pro Komposition, die unterschiedlichen Impulse werden improvisatorisch zusammen geführt - wie der genaue Verlauf des Stückes sein wird, lässt sich nicht immer voraussagen. Neben ruhigen Klangflächen stehen rhythmisch energetische Passagen, atonale Melodielinien stehen neben tonalen Strukturen. Scherer fügt mit ihrer Band dies alles zu einem konzentrierten Ganzen zusammen. Grundlage von allem ist natürlich der moderne Jazz in seiner Vielfalt, auch wenn in vielen Verläufen Elemente des rauen Rock und Punk nicht zu überhören sind. „Ich bin ein Kind der Achtziger Jahre, da bleibt das nicht aus!“ Sehr gut beschrieben ist die Musik auf dem Cover des neuen gleichnamigen Albums: „Das Profil der Musik trägt ganz klar die unverkennbare Handschrift von Katrin Scherer. Ihre Kompositionen geben der Musik einen äußeren Rahmen und sind Anknüpfungspunkt für wilde aber auch minimalistische Improvisationen ...“. (Die Musiker) „erzeugen üppige, karge, kraftvolle, feinsinnige Klanglandschaften und sind dabei immer am Puls der Zeit.“
Fazit: Ein interessanter Abend im Dortmunder Domicil mit einer gelungenen Ausstellungseröffnung und einem spannenden Konzert, das dem Publikum keine leichte Kost servierte, aber gerade durch die Unmittelbarkeit, gekonnte musikalische Darbietung und Herzlichkeit insbesondere der Bandleaderin dem begeisterten Publikum einen unvergesslichen Abend bot.

Katrin Scherers MOMENTUM (Green Deer Music 08)

Text & Fotos: Ingo Marmulla

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