Kerstin Siemonsen - virgin-jazz-face

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Redakteure & Bespr.
Alle Jahre wieder – Jazzfestival in Molde, Norwegen
 
Text & Fotos: Kerstin Siemonsen
 
Für jeden eingefleischten Jazzfan ist das Festival in Molde in der 29- Kalenderwoche ein Muss. Mit seinen 56 Jahren ist es ganz schön betagt und zählt zu den Ältesten der Welt. Und überhaupt ist Molde immer eine Reise wert, was schon Kaiser Wilhelm II zu schätzen wusste. Jahrelang zog es ihn in die Stadt am Raumafjord. Wenn die Bergspitzen jenseits des Fjords von der Abendsonne rot angeleuchtet werden und später am Abend der Vollmond hinter den Bergen aufsteigt, dann kann man schon ins Schwärmen geraten.
 
Molde zeigt sich von seiner besten Seite als ich am Donnerstagnachmittag ankomme. Wie schon im vergangenen Jahr nimmt mich die Stimmung in dieser 30.000 Einwohnerstadt sofort gefangen. Ein ganzer Ort lebt Jazz, so scheint es. Ich freue mich auf die nächsten drei Tage. Immerhin werde ich mir am Ende zehn der insgesamt 60 Konzerte angesehen haben. Die Nächte werden kurz, was auch daran liegt das es nicht richtig dunkel wird und man jegliches Zeitgefühl verliert.
 
Donnerstag, 20.7.2017
 
Ich beginne mit den „älteren Männern“, einem Konzert mit Enrico Rava und Tomasz Stanko. Der italienische Rava und der polnische Stanko bringen zusammen 153 Lenze auf die Bühne. Während die Mitmusiker, Dezron Douglas (Bass), Gerald Cleaver (Schlagzeug) und Giovanni Guidi (Piano) zusammen es sicher nur auf die Hälfte an Lebensjahren schaffen. Dieser Spannungsbogen zwischen den erfahrenen Musikern, deren Geschichte bis in die 1960er Jahren zurückgeht und die „jungen Wilden“ bestimmen das Konzert. Am beeindrucktesten nehme ich das Wechselspiel zwischen Guidi am Piano und den beiden Trompetern Rava und Stanko war. Es zieht sich von traditionellen bis hin zum free Jazz. Dabei fasziniert mich besonders der junge italienische Pianist, der im fließenden Übergang Melodien in seine Bestandteile zerlegt und wieder zusammensetzt. Dazu die beiden Trompeter, die entweder im Ping-Pong oder im Gleichklang, Musik vom feinsten zelebrieren. Nach 1,5 Stunden endet das Konzert viel zu früh. Ich hätte noch mehr davon hören können. Dieses Konzert ist, nach Aussagen des Festivalchefs Hans-Olav Solli, einer der Höhepunkte des Tages. Ich teile seine Meinung.
 

Es geht weiter. Ein Rundgang durch Molde führt mich in den „Alexanderparken“, einer openair Spielstätte, zur „Molde Domkirke“ und zum Schluss zum „Storyville“. Dort bleibe ich hängen und höre mir „Lassen“ an. Was die vier auf die Bühne zaubern ist versüßt mir den Abend. Das Quartett Harald Lassen (Saxofon), Bram De Looze (Piano), Tore Flatjord (Schlagzeug und Percussion) und Stian Andersen (Bass) ist in seiner Musik schwer zu beschreiben. Es ist vielseitig und herausfordernd, intellektuell und erforschend. Überhaupt wird das Ausforschende zum Leitthema des Konzertes. Mal werden die Bongotrommeln mit Trommelstöcken gespielt, mal setzt Lassen seine Stimme ein und mal spielt De Looze mit einer Hand auf dem Piano und einer Hand auf dem Keyboard. Es ist ein Feuerwerk, das alles beinhaltet, was ein gutes Feuerwerk ausmacht: einzelne Tonraketen, Tonregen und bunte Tonkörper. Ein herrliches Konzert und ich beschließe den Abend hier zu beenden.
 
Freitag, 21. Juli 2017
 
Es wird ein wunderbarer Tag mit ganz unterschiedlichen Konzerten. Mein persönliches high-light wird Atmospheres mit Tigran Hamaszan (Piano), Arve Hendriksen (Trompete), Eivind Aarset (Gitarre) und Jan Bang (Elektronik). Die ruhige Musik erscheint wie von einem anderen Stern. Sphärisch ruhig, intensiv und tief im Körper spürbar. Am beeindruckest ist das Zusammenspiel von Hendriksen und Bang. Bang produziert aus der klaren Trompetenstimme ein Echo, so dass es scheint, als würde Hendriksen mit sich selber spielen oder ist es Aarset, der da mitmischt? Man weiß es nicht. Das Ganze im Zusammenspiel mit einer Bühnenbeleuchtung, die die Musik auf intensive Weise ergänzt. So entsteht ein „Gesamtkunstwerk“ aus beeindruckender und tiefgehender Musik verstärkt durch wechselnde Beleuchtung. Der Maler, neben dem ich sitze, beschreibt mir anschließend die Bilder, die die Musik bei ihm im Kopf erzeugt hat. Bei mir hat das Konzert vor allem intensive Gefühle ausgelöst. So unterschiedlich kann Wahrnehmung sein. Es war ein Erlebnis und ich brauche lange, um wieder aufnahmebereit für andere Musik zu sein.
 
Früher am Tag hatte mich mein Weg zum Artist of residence Pat Metheny mit dem Trondheim Jazzorchester geführt. Ich bin Fan vom TJO (wie es kurz genannt wird) und bin gespannt auf die Kombination. Sie haben noch niemals miteinander gespielt und haben im Laufe der Woche Verschiedenes einstudiert. Es beginnt, typische für das TJO, temperamentvoll, dynamisch und mit einer unglaublichen Spielfreude. Diese drückt sich auch in der Körpersprache der vielen bekannten norwegischen Musiker aus. Sie leben ihre Musik. Ganz anders Pat Metheny. Er ist eher ein scheuer und zurückhaltender Mensch, der zunächst zurückhaltend bleibt. Er fügt sich musikalisch gut ein und im Laufe des Konzertes wird er immer kraftvoller und sichtbar. Seine Virtuosität ist einmalig und begeisternd. Und wenn man die Augen schließt, funktioniert es gut. Besonders dann, wenn man die Musik des TJO, mit dem Auflösen der Harmonien in Disharmonien und umgekehrt, mag. An diesem Abend wird es im Überfluss zelebriert. Für manche ist es Zuviel des Guten. Mir aber gefällt es.
 
Ein weiteres anspruchsvolles Konzert, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Eve Risser mit dem White Desert Orchester. Hier muss man sich einhören und auf diese Art der Musik einlassen. Freie Improvisation in einem Orchester ist nicht ganz einfach, doch um es vorweg zu nehmen, es funktioniert. Die kräftigen Soli von jedem einzelnen der Musiker, die frei aufspielen und gerahmt werden vom Orchester. Es ist schwierig hier einzelne Musiker heraus zu heben, da alle 11 ihren Freiraum haben. Faszinierend ist die Mischung von Harmonie und Disharmonie von Struktur und Überraschungen. Manchmal hat man das Gefühl gleich verliert sich alles im Chaos und doch finden sich die Musiker in einer Tonart, in einem Ton wieder und spielen wieder im Einklang. Manchmal aber bricht es ab, mündet völlig überraschend in einem Ton und das Publikum bricht in Lachen aus. Insgesamt ein hörenswertes Konzert mit einem hohen Anspruch. Leider fand bei diesem schönen Wetter nur ein kleiner Kreis Menschen den Weg in den Konzertsaal – schade.
 
Samstag 22. Juli 2017
 
Der Tag beginnt mit der traditionellen Pressekonferenz: 70.000 Besucher, 16 ausverkaufte Konzerte und die schwarze Null sind das Resultat dieser Festivalwoche. Wieder einmal scheint es den Festivalmachern gelungen zu sein, ein Programm auf die Beine zu stellen, dass Menschen begeistert.
 
Es sind zwei Konzerte, die mich am heutigen Tag in ihren Bann ziehen. Zwei Konzerte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist auf der einen Seite die Grand Dame des norwegischen Jazz, die mit Ihren 80 Jahren immer noch begeistert und auf der anderen Seite eine junge Band aus England, die von einer kuragierten und energischen jungen Frau geleitet wird. 55 Lebensjahre trennen diese beiden Frauen. Spannend zu sehen, wie sich die beiden in der doch überwiegend männlich dominierten Jazzwelt durchsetzen bzw. durchgesetzt haben.
 
Das Konzert mit Karin Krog und Scott Hamilton findet in dem großen Konzertsaal „Bjørnsonhuset“ statt. Einem Ort, der aus meiner Sicht viel zu groß ist. Sicher, die Sitzreihen sind fast vollständig gefüllt, aber in der Größe des Raumes geht viel von der Atmosphäre verloren. Die ersten 20 Minuten gehören Scott Hamilton und seiner Band mit Jan Lundgren (Piano) Hans Backenroth (Bass) und Kristian Leth (Schlagzeug). Krog betritt die Bühne und ist schnell präsent. Sie singt Stücke von Billy Holiday und Dexter Gordan. Aber erst bei den Liedern von Lester Young springt der Funke auf mich über. Ich schließe die Augen und lausche ihrer kraftvollen Stimme, der man die 80 Jahre beim besten Willen nicht anhört. Nach dem verhaltenen Beginn wird Krog immer stärker und begeistert das Publikum. Nicht zu glauben, dass sie auch schon beim ersten Festival 1961 dabei war. Ich freue mich schon auf das Konzert in Oslo, wenn sie beim Jazzfestival in drei Wochen in der Domkirche auftritt.
 
Bevor ich den Abend und das Festival bei Laura Jurd und Dinosaur abschließe, schau ich noch kurz bei Vijay Iyer und The Cikada String Quartet vorbei. Leider höre ich nur das letzte Stück. Schade, denn die Kombination aus Streichern und Piano ist faszinierend und ich bedauere nicht schon früher da gewesen zu sein.
 
Ein letztes Highlight ist die Band Dinosaur mit ihrer Leaderin Laura Jurd (Trompete). Sie gilt mit ihren 26 Jahren als eines der größten britischen Talente und spielt gemeinsam mit Elliot Galvin (Keyboard und Synthesizer), Conor Chaplin (elektrischer Bass) und Corrie Dick (Schlagzeug). Das „Storryville“ ist gut besucht und schnell füllt die rhythmisch erfrischende Musik den Raum. Mein Fuß wippt mit und ich kann mir gut vorstellen zu tanzen. Doch das ist heute Abend hier nicht vorgesehen. Und so genieße ich die spritzige Musik, die so jung und unbeschwert daherkommt.
 
Nach diesem schönen gig endet das Festival für mich. Wieder einmal hat es sich gelohnt. Ich bin erfüllt von gute Musik, vielen neuen Kontakten und schönen Erinnerungen. Das war es für 2017. Wir sehen uns im nächsten Jahr. Am 16. Juli 2018 wird Maria Schneider als Artist in residence das 58. Festival eröffnen. Ein Datum, dass man sich im Kalender markieren sollte.
 
 
Text & Fotos: Kerstin Siemonsen

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Ungewöhnlich und aberwitzig – das Chris Potter Quartett
 
Am 12. Mai 2017, Nasjonale Jazzsene Victoria in Oslo, Norwegen

Chris Potter – Saxofon
David Virelles – Piano
Joe Martin – Bass
Marcus Gilmore – Schlagzeug
 
Auf seiner Europatournee macht der amerikanische Saxofonist Chris Potter mit seinem Quartett Station in Norwegen. Zunächst begeistert er seine Zuhörer beim Mai-Jazz, einem Festival in Stavanger, um dann nach Oslo zu kommen. In dem gut besuchten Club „Victoria“ fasziniert er an einem ganz normalen Wochentag die zahllosen Zuhörer in einem atemberaubenden Konzert. Und, um es vorweg zu nehmen, der Abend wird ungewöhnlich und aberwitzig.
 
Chris Potter, ein variantenreicher und virtuoser amerikanische Saxophonist, hat schon mit bekannten Größen wie Dave Holland, Herbie Hancock oder Pat Metheny in unterschiedlichen Konstellationen zusammengespielt. Zudem gilt er als einer der spannendsten modernen Saxofonisten. Nach Europa kommt er mit seinem „neuen“ Quartett, um die erste gemeinsame CD „The dreamer ist the dreamer“ vorzustellen.
 
Ich gehe voller gespannter Erwartung zum Konzert, da mich die im Vorfeld gelesenen Kritiken, insbesondere die vom Mai-Jazz, neugierig gemacht haben. Live gehört habe ich ihn nämlich noch nicht. Der Abend beginnt höchst anspruchsvoll und ich brauche Zeit mich in die Musik einzufinden. Einerseits wirkt sie streng, so als würde sie ganz festen Regeln folgen und andererseits lebt sie von der Spielfreudigkeit der einzelnen Musiker. Erst im zweiten Stück gelingt es mir den Faden zu finden und in der Musik zu verschwinden, ausgelöst durch das lange Solo von David Virelles am Piano. Mit spielerischer Leichtigkeit zerlegt er Harmonien in seine Bestandteile, sodass nur noch Fragmente übrigbleiben. Ich hätte niemals gedacht, dass Disharmonien so melodisch schön wirken können. Damit ist der Damm gebrochen und ich kann mich für das Dargebotene begeistern. Der Spannungsbogen, der zwischen Chris Potter und David Virelles, zwischen Strenge und Anarchie, zwischen Ekstase als Ausdrucksform der Strenge und stillen leisen fast melancholischen Tönen entsteht, lässt die Luft knistern. In dessen Zwischenraum bewegen sich er Basis Joe Martin und der Schlagzeuger Marcus Gilmore. Chris Potter lässt jedem seinen Raum und nimmt sich immer wieder auf wunderbarer Weise zurück soweit, dass er die Bühne fast verlässt. So bekommen wir die Chance jeden Musiker nicht nur als Solist wahrnehmen zu können, sondern auch durch unterschiedliches Zusammenspiel neue musikalische Ausdrucksformen und Varianten lauschen zu können. Ohne Pause spielen sie fast 2 Stunden und das frenetisch applaudierendem Publikum kann nicht genug bekommen. Auch ich gehe am Ende bewegt nach Hause. Es war eben ein ungewöhnliches und aberwitziges Konzert. Empfehlenswert!
 
Text: Kerstin Siemonsen
Fotos: Francesco Saggio

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Ein Ohrenschmaus – das Trondheim Jazzorchester & Ole Morten Vågan
Viktoria Nasjonal Jazzscene, Oslo 21. April 2017
 
Sofia Jernberg – Vokal
Ola Kvernberg - Geige
Eirik Hegdal – Saxofon, Klarinette
Kjetil Møster – Saxsofon, Klarinette
Espen Reinertsen – Saxsofon, Bassklarinette
Eivind Lønning – Trompete
Øyvind Brække – Posaune
Øyvind Engen – Cello
Ståle Storløkken – Synthesizer
Oscar Grönberg – Piano
Gard Nilssen – Schlagzeug
Håkon Mjåset Johansen – Schlagzeug
Ole Morten Vågan – Bass, Komponist

Trondheim ist nicht nur die 3. größte Stadt in Norwegen, sondern eines der wichtigsten Ausbildungszentren für den norwegischen Jazz. Viele der international bekannten norwegischen Jazzmusiker haben ihre Ausbildung in der sogenannten Jazzlinie gemacht. Seit ihrer Gründung vor rund 28 Jahren hat diese den Jazz in Norwegen mehr geprägt als jede andere Institution im Land. Viele junge und talentierte Musiker haben hier begonnen und tragen heute ihre Ideen und den norwegischen Jazz in die Welt.

So auch das Trondheim Jazzorchester, das eng verknüpft ist mit der Jazzlinie und dem Mittnorwegischen Jazz-zentrum. Diese Projektorchester arbeitet in wechselnder Besetzung und variierender Größe mit zeitgenössischen Komponisten zusammen. Zweimal war es in den letzten Jahren zur Jazzahead nach Bremen eingeladen – 2012 unter der Leitung von Eirik Hegdal und 2016 unter der Leitung von Ole Morten Vågen. Ich selber habe es mittlerweile in vier verschiedenen Besetzungen kennen- und lieben gelernt.
 
Und so wurde das Konzert in der nachösterlichen Woche in Oslo zu einem absoluten Ohrenschmaus. Gespickt mit vielen musikalischen Überraschungen und ungewöhnlichen Wendungen, die einen zum Schmunzeln brachten, wurde der Abend zu einem absoluten Highlight. Begonnen hat es eher verhalten so als müsste sich das Orchester noch finden. Doch schnell wird klar, das ist Teil des Ganzen.

Es ist ein beständiger Wechsel zwischen auseinanderdriften und wieder zusammenkommen. Dadurch entstehen die wunderbaren und überraschenden Wendungen und Überraschungen. Dabei kommt jeder dieser hochkarätigen Musiker, die auch als Solisten erfolgreich sind, auch individuell zum Zuge ohne, dass der Eindruck entsteht, dass dies ein „gewöhnliches“ Solo ist. Mal bereiten die übrigen Orchstermitglieder einen wunderbaren Hintergrundsound, der die Solo unterstreicht. Mal ist es ein Dialog zwischen Instrumenten und mal spielt ausschließlich das Soloinstrument. In mitten all dessen steht Ole Morten Vårgen mit seinem Bass, der Richtung und Tempo vorgibt und das Orchester dirigiert. Die Stücke, die gespielt werden stammen alle von ihm und bestehen aus einer Mischung verschiedener Stillrichtungen, was viel zu den überraschenden Wendungen beitragen. Ole Morten Vågen gehört zur nächsten Generation aufstrebender Jazzmusiker, die internationale Anerkennung erlangen. So hat er mit Größen wie Joshua Redman oder John Scotfield zusammengespielt und erhielt 2009 den prestigeträchtigen Kongsberg Jazzfestival Preis.
 
Ich habe, wie schon angedeutet, den Abend sehr genossen und kann nur jedem empfehlen ein Konzert des Trondheim Jazzorchesters mit Ole Morten Vågen zu besuchen. Festivalveranstalter kann ich nur raten, bucht sie!
 
 
Text & Fotos: Kerstin Siemonsen

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Moldefestival Tag 2 in Norwegen 19. Juli 2016

 
Das heutige Programm ist voll mit spannenden Konzerten. Wie soll man sich da entscheiden? Chick Corea am späten Nchmittag, Anna Höberg am Abend, zum Mitternachtskonzert von Ola Kvernberg dem diesjährigen Artist in Residence oder zu Pat Methney am späten Abend? Zehn Konzerte stehen zur Auswahl. Ziemlich imponierend für einen Dienstag zumal die Hälfte davon schon ausverkauft sind.
 
Da heute meine ehrenamtlichen Dienste beginnen, habe ich nicht viele Möglichkeiten. Beim Trondheim Jazzorchester & Skarp sowie bei Ola Kvernberg – Steamdome bin ich am Eingang eingesetzt. Damit ist meine Auswahl eingeschränkt. Ich entscheide mich für „Driving Miles“. Ein Theaterstück, das von Henning Mankell geschrieben wurde und auf einer wahren Begebenheit beruht. In einem Monolog erzählt ein norwegischer Schrotthändler von seiner Begegnung mit Miles Davis und seiner Musik. Ein Trio begleitet und untermahlt die Geschichte gewinnt dabei bisweilen auch die Oberhand im Saal. Erzählt werden Episoden aus dem Leben von Miles Davis wie z.B. über das schwierige Leben eines Farbigen in den USA in den 50er Jahren oder darüber das Musik das Ventil war mit der Unterdrückung umzugehen. Erzählt wird aber auch die Geschichte des Schrotthändlers, der eher zufällig die Bekanntschaft von Miles Davis machte und dabei von der Musik, von der er eigentlich nichts hält, begeistert wird. Er erfährt Musik als Element der Befreiung und der Zusammengehörigkeit. Musik soll die Seele erreichen und tief im Inneren des Körpers spürbar sein. Erzählt wird dies in klarer und einfacher Sprache. Ich bin begeistert und lausche gebannt. Das ist überaus empfehlenswert. In Deutschland wurde es im September 2011 in Bielefeld uraufgeführt. Hier in Norwegen gehört es zum festen Bestandteil von Jazzfestivals. Warum eigentlich nicht in Deutschland?
 
Der Abend gehört dann dem Trondheim Jazzorchester & Skarp. Es beginnt skurril. Hinter einem Plastikvorhang stehen die 16 Musiker. Ganz vorne das Duo Skarp. Sie haben in 2015 das Jazzstipendiat von Molde gewonnen und es ist guter Brauch im Folgejahr ein Konzert mit dem Trondheim Jazzorchester zu geben. Der Saal ist brechend voll und lauscht gespannt dem vielschichten Konzert. Von leise melancholisch bis laut und zerstörerisch wird ein breites Spektrum gespielt. Unter stehenden Ovationen endet das Konzert nach 90 Minuten.
 
Zwei Stunden später geht es gleicher Stelle weiter mit dem Artist in Residenc Ola Kvernberg mit seinem neusten Projekt „Steamdome“. Mit großer Besetzung schickt uns Ola Kvernberg in einen rhythmischen und groovigen Abend bei dem auch das Tanzbein geschwunden wird. Die Energie, die dabei versprüht wird hält uns wach und sorgt auch nachts um 2.00 Uhr für gute Stimmung.
 
Damit endet für mich der 2. Tag. Gute Nacht und bis morgen.
 

 

Text & Fotos: Kerstin Siemonsen

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Eine Stadt voller Musik – das Moldefestival 2016 (Norwegen) hat begonnen

18. Juli 2016 - Der Auftakt

Was vor 55 Jahren in einemkleinen Jazzclub als Wochenendfestival begann, ist heute eines der größten, renommiertesten und ältesten Jazzfestivals in Norwegen. Erstaunlich wie sich die kleine Stadt Molde mit ihren rund 28.000 Einwohnern zu einem Meka der Jazzmusik entwickelt hat. Im diesjährigen Programm finden sich internationale Größen wie Lizz Wright, Josua Redman, Chick Corea, Charles Bradley oder Marilyn Masur, aber auch viele andere international bekannte skandinavische Jazzmusiker. Überhaupt hat es dieses Programm in sich und war der zentrale Grund, dass ich mich auf den Weg an die Westküste Norwegens gemacht habe. Von Oslo aus sind es zwar nur rund 500 KM, aber bei den norwegischen Straßenverhältnissen heißt das knapp 8 Stunden Fahrt. Einfacher geht es mit dem Flugzeug in nur 55 Minuten. Trotzdem habe ich mich aber für den öffentlichen Verkehr entschieden.
Molde erstreckt sich auf einem schmalen Küstenstreifen zwischen dem Fjord und den Bergen entlang von zwei Hauptstraßen. Eine von ihnen – Storgata – verbindet alle Spielstätte und wird zur Festivalstraße mit Ständen, Straßenmusik und vielen unbeschwerten Menschen. Das Moldefestival zieht nicht nur jazzbegeisterte Gäste von auswärts an, sondern stellt für viele Bewohner der Stadt und des Umlandes eine willkommene Abwechslung in einem sonst eher beschaulichen Stadtleben dar.
Die Schönheit der Lage, für die Ort bekannt ist, wird erst später am Tag ersichtlich. Nämlich nachdem sich die Regenwolken verschwunden sind und den traumhaften Blick über den Fjord auf die gegenüberliegende Berge freigibt. Das Festival beginnt im Regen mit dem traditionellen Festivalzug angeführt vom Festivalchef. Doch schon eine halbe Stunde später scheint, rechtzeitig zur Eröffnungsansprache und den kleinen Konzerteinlagen die Sonne über dem Alexanderparken. Regenjacken verschwanden und die Sonne trocknete mit ihrer Kraft die feuchte Kleidung und nach kurzer Zeit bestimmen T-Shirts und Sommerkleidung das Bild bestimmten. Die Kostproben von dem diesjährigen „Artist of residence“ Ole Kvernberg im Zusammenspiel mit Josua Redman machten dann auch schon Lust auf das am Mittwoch stattfindende Konzert.
Wie schon bei anderen Festivals bin ich in diesem Jahr wieder als Ehrenamtliche dabei. Als „Lohn“ habe ich dafür freien Eintritt in alle nicht ausverkauften Konzerte. Ein guter Deal wie ich finde. So bin ich nicht nur Besucher und sehe mir das Festival von außen an, sondern bin auch Teil der Organisation. Eine Kombination an der ich Gefallen gefunden habe und die ich jedem nur aufs Wärmste empfehlen möchte.
Doch jetzt stürze ich mich ins Getümmel und genieße die Musik. Morgen mehr zum ersten Festivaltag.


Text & Fotos: Kerstin Siemonsen

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Die Konzertbesprechung:

Die Grande Dame des norwegischen Jazz in intimer Atmosphäre
Karin Krog mit John Surman Group 5. Mai 2016, Herr Nilsen, Oslo

Karin Krog - vokal
John Surman – Baritonesaxsophone, Sopransaxsophone, Bassklarinette
Erlend Slettevoll - Piano
Terje Gewelt - Bass
Tom Olstad - Schlagzeug

In Oslo hält der Sommer Einzug. Bei 22 Grad verbrachte ich den Tag am allgegenwärtigen Wasser und freute mich die schönen Eindrücke aus meiner Lieblingsstadt mit einem Konzert mit der großen norwegischen Künstlerin Karin Krog zu vervollständigen. Schon beim Oslo Jazzfestival 2015 hörte ich sie live und ihr Gesang berührte mich, aber auch Umstehende tief.
Die kleine Eckkneipe „Herr Nilsen“, die ich schon in einem meiner früheren Konzertberichten beschrieben habe, ist ein wunderbarer intimer Ort, der eine besondere Verbindung zwischen Musikern und Publikum möglich macht. Die Bühne teilt den Raum in zwei Flügel und ermöglicht dadurch eine besondere Nähe zwischen Publikum und Musikern. Was mich erwartete, übertraf dann aber mal wieder meine Erwartungen.
Karin Krog und John Surman, die nun schon seit 40 Jahren zusammenspielen, haben ein blindes Verständnis füreinander. Sie ergänzen sich auf wunderbare Weise, mal symbiotisch mal wechselseitig. Da ist auf der einen Seite der Brite John Surman, der eine Vielzahl an Instrumenten spielt und mit neue Texturen, plötzlichen Richtungs- und Tempowechseln für Überraschungen sorgt. Und auf der anderen Seite, die norwegische Sängerin, die mit ihren fast 80 Jahren mit einer jungen und kraftvollen Stimme begeistert. Sie ist die führende norwegische Jazz-Sängerin mit einem großen internationalen Ruf, einem hohen Musikverständnis und einen besonderen Klang. Ihr Repertoire ist weit umfassend und reicht von Blues und amerikanischen "Standards" bis hin zu elektronisch verarbeitet Vokalkunst. Und so lässt sich uns auch an diesem Abend diese ganze Bandbreite genießen. Ein umfallendes Glas wird dabei genauso musikalisch eingebunden wie der Zwischenruf eines Gastes. Karin Krog ist präsent und bindet die Zuschauer mit ein. So entsteht eine besondere Atmosphäre. Doch sie und John Surmann können sich auch zurücknehmen und den jungen Bandmitgliedern ihren Raum lassen. So begeistern Erlend Slettevoll am Klavier, Terje Gewelt am Bass und Tom Olstad am Schlagzeug mit wunderbaren und mitreißenden Solis. Viel zu schnell gehen die 2 ½ Stunden vorbei und ich lasse es mir nicht nehmen meine CD Sammlung um die noch fehlenden Krog/Surmann CDs zu ergänzen. Beschwingt fahre ich nach Hause.


Text & Fotos: Kerstin Siemonsen, Oslo

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Die Konzertbesprechung:

Südamerikanisches Temperament trifft auf europäischen Jazz!
Lily Dahab im Erholungshaus Leverkusen, 19. November 2015

Lily Dahab, Vocals
Bene Aperdannier, Piano
Jo Gehlmann, Gitarre
Daniel „Topo“ Gioia, Perscussion
Andreas Henze, Bass

Das kleine Studio im Erholungshaus ist rappelvoll. Schon seit Wochen ist das Konzert ausverkauft. Heute stehen die Stühle dicht an dicht um die kleinen runden Tische und das Servicepersonal kommt kaum durch. Die Stimmung ist neugierig angespannt. Aber kaum betritt Lily Dahab die Bühne und beginnt mit ihrer klaren frischen Stimme zu singen, ist die Enge vergessen. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Mit ihrer temperamentvollen Bühnenpräsens zieht sie die Zuhörer schnell in ihren Bann. Ihre Stimme lässt mich unwillkürlich an einen klaren Gebirgswasserfall denken, der unbekümmert zwischen den Steinen perlt und alles andere um einen herum vergessen lässt. Man spürt die Ausbildung als Musicalsängerin. Überhaupt ist ihr Werdegang ungewöhnlich und spannend. Geboren und aufgewachsen in Buenos Aires, Argentinien – hier schließt sie ihr Musikstudium ab - führt ein Engagement sie nach Spanien, wo sie in Madrid und Barcelona lebt und arbeitet. Eigentlich war sie schon wieder auf dem Sprung zurück nach Lateinamerika, als sie ein Projekt nach Deutschland führte. Hier entdeckte sie nicht nur ihre Liebe sondern auch den Jazz als ihre Musikform. Seit nunmehr 7 Jahren lebt sie in Berlin und macht mit vier ausgezeichneten Musikern Jazz. Festivaleinladungen und 2 CDs sind das Ergebnis der Zusammenarbeit.
Temperamentvolle südamerikanische Rhythmen, Tango und Samba werden vermischt mit jazzigen Strukturen in dessen Mittelpunkt die zierliche und energiegeladene Lily steht. Eine Energie, die in den Zuschauerraum überspringt. Die Harmonie zwischen den Musikern ist beeindruckend. Solange Lily singt halten sich die vier Instrumente im Hintergrund, in ihren Solies zeigt sich dann aber die besondere Qualität. Hier hält Lily sich dann zurück und gibt jedem ihrer Musiker den Raum zur Entfaltung. Egal ob Bene Aperdannier am Piano, Jo Gehlmann an der E-Gitarre, der Brasilianer Daniel „Topo“ Gioia an den Perscussions oder Andreas Henze am Bass. Sie alle bieten Hörgenuss und zeigen, dass sie hervorragende Jazzmusiker sind.
Nach knapp 2 Stunden geht ein schöner Konzertabend leider zu Ende und beschwingt fahren wir wieder nach Hause. Schön wars!
 
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