Jakob Fraisse - virgin-jazz-face

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Redakteure & Bespr.
„Johanna Borchert & Band“ am 19. Mai in der "Glocke" in Bremen
 
Wer soll sich das anhören?
 
Schon nach wenigen Stücken wird klar, dass Johanna Borchert und ihre um ein Streichtrio erweiterte Band so gut wie alles spielen können. Von Pop bis Klassik, von moderner Musik bis Indie-Rock, von lyrisch bis funkig, von filigran bis fett und pompös. Und immer wieder blitzt Jazz auf höchstem Niveau auf. Die Erkenntnis, hier eine unglaublich vielseitige Band vor sich stehen zu haben geht allerdings mit folgender Frage einher: wer soll sich das hören? Oder anders gefragt, schafft es die Band, die offensichtlich in vielen Genres zu Hause ist, eine Klammer um ihre Performance zu setzen und die Liebhaber der verschiedenen Genres glücklich zu stimmen?    
 
Zunächst aber soll die musikalische Queerness erläutert werden. Mit einem bloßen Blick auf das Line-Up ist es unmöglich, Schubladen auch nur auf zu machen. Moog auf der gleichen Bühne mit einer Geige, das kennt man vielleicht noch von Snarky Puppy. Ein Megaphon das Drumheads zum Schwingen bringt und durch Cymbal Scrapes kreischende Becken, das wäre für die angesagte Band aus den U.S.A. aber zu modern. Was für ein Ensemble da auf der Bühne steht wird klarer, wenn man sich die einzelnen Biografien anschaut.
 
Zuerst die in Bremen aufgewachsene Borchert, die wahrscheinlich vielseitigste der musizierenden Grenzgänger*innen. Sie ist studierte Jazzpianistin - klar - hat sich im Studium in Chennai aber auch mit klassischer indischer Musik beschäftigt. Gelernt hat sie außerdem bei Fred Frith, bei dem das Sprengen musikalischer Grenzen wahrscheinlich in der ersten Unterrichts-Einheit behandelt wird - nicht umsonst gibt es einen ihm gewidmeten Film namens Step Across the Border. Die Gitarren-Legende begleitete Borchert auf ihrem ersten Solo-Album FM Biography. Hier wird klar, woher der Free-Jazz Anteil in ihrer Musik kommt. Und von wem sie das Komponieren und Arrangieren moderner Musik gelernt haben könnte. Denn für ein Stück überlässt Borchert dem Streichquartett die Bühne - und lässt Sie ein von ihr komponiertes und arrangiertes modernes Stück vortragen, was sowohl Musiker*innen als auch Bandleaderin nach eigener Aussagen ins Schwitzen gebracht hat. Beim Spielen merkt man davon nichts. Das Publikum lässt sich begeistern. Auch bei ihrem Stück Lightyears gelingt der Genrewechsel. Als Single gibt es den Song mit visuell ansprechendem Video und in catchigem Pop-Gewand. Die Radio Version. Live ist nur noch die vom Cello gespielte Basslinie übrig geblieben. Der Rest ist Free-Jazz. Auch das zeigt, dass es sich um eine besondere Künstlerin handelt: sie beweist Mut, den sicheren Grund erfolgreicher Arrangements zu verlassen, bricht diese auf und sorgt für ein Live-Erlebnis, was fast nichts mehr mit der eingespielten Version gemein hat.   
 
Jonas Westergaard ist ein aus Dänemark stammender Jazz-Kontrabassist und ist fester Bestandteil der dänischen und deutschen Jazz-Szene. Kurz erwähnt sei seine Zusammenarbeit mit dem Starpianisten Michael Wolny und dem Musiker / Komponisten / Sozialwissenschaftler Christopher Dell. Ohne Probleme wechselt Westergaard von Kontrabass zu Moog, von E-Bass zum Gesangs-Mikrophon. Um unfassbar charmant und lässig den Text abzulesen - Eitelkeiten sucht man vergeblich.
 
Moritz Baumgärtner hat bei Jim Black studiert. Fans von grenzüberschreitender (neuer) Musik und Free Jazz wird das als Gütesiegel reichen. Wolf Kampmann sagte über Black einmal: “Mit perkussiven Flächen spielend und mit einem luftig komplexen Rhythmusgefühl und ausgeprägtem Experimentiergeist ausgestattet, kann er in jedem Kontext von Neuer Musik über Free Jazz bis Techno persönliche Akzente setzen.” Diese Aussage kann man ohne Abzüge auf Baumgärtner übertragen. Denn aufgetreten ist er schon mit Jazz-Vokalist Theo Bleckmann, Klezmer-/Jazz-Klarinettist Perry Robinson, dem Andromeda Mega Express Orchestra (Zitat Henning Sierverts: “unerschrockene Neugier und Offenheit für fast alles”), und der Anarcho-Indie-Band Bonaparte. Zusammen mit Peter Meyer ist er Teil des Melt-Trios, das laut Norbert Krampf einen “Wegweiser in die europäische Musiklandschaft” gesetzt hat.
 
Alle auf der Bühne stehenden haben also ihre ganz eigene (FM) Biography. Wie schafft es Johanna Borchert all diese musikalischen Biographien zu einem Gesamtkunstwerk zu vereinen, das dann auch noch dem Publikum gefällt? Ganz einfach: durch Jazz und das richtige Verhältnis der vertretenen Genres. Dadurch, dass in keinen zwei Liedern das gleiche Genre dominiert. Dadurch, dass auf jeglichen Dogmatismus verzichtet wird. Durch den von Bernstein als so wichtig erachteten musikalischen Witz, die musikalische Überraschung. Und nicht zuletzt durch authentische und unaufdringliche Ansagen. Und wenn man es doch auf ein verbindendes Element herunter brechen möchte, dann ist es der Jazz, der sich so wunderbar mit anderen Musikrichtungen kombinieren lässt und eine musikalische Klammer um die Veranstaltung bildet. Außerdem findet das ganze zur richtigen Zeit am richtigen Ort statt. Die Glocke, über die Margaret Price einst sagte: „Die Glocke ist für Sänger der beste Saal der Welt!“, eignet sich hervorragend zum Sprengen von Genre-Grenzen - zuletzt hier passiert beim Galakonzert der jazzahead! mit Starpianist Iiro Rantala und der Deutschen Kammerphilharmonie - einer Melange aus Klassik, Jazz und Pop. Da fällt auch schon das nächste Schlagwort, Johanna Borchert spielte zuletzt bei der German Jazz Expo 2014 auf der jazzahead! - jetzt in der Glocke. Das kann kein Zufall sein und beantwortet die Frage, was für einen Einfluss ein Leuchtturmprojekt wie die jazzahead! auf die Bremer Jazz-Szene hat: einen sehr guten.
 
Und um jetzt nochmal die provokante Eingangsfrage zu beantworten, wer sich diesen Genre-Mix denn anhören solle: einfach alle! Grade in diesen gesellschaftlich aufgewühlten Zeiten braucht es Grenzüberschreitungen und Übersetzer, die es schaffen, die Angst vor der Grenzüberschreitung zu nehmen. Johanna Borchers vollzieht und moderiert diese ganz fabelhaft. Mit Charme, aber ohne aufgesetzt zu sein. Mit Humor, aber ohne aufdringlich zu sein. Mit Kompetenz, mit einer großartigen Stimme und großartigen Bandleader Qualitäten.
 
 
Text & Foto: Jakob Fraisse
 
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