CD-Besprechung - virgin-jazz-face

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FAST TRACKS Volume 21
Neue CDs, kurz vorgestellt
 
Dai Fujikura & Jan Bang: The Bow Maker (Punkt Editions/Jazzland)
Seit 2005 findet im norwegischen Kristiansand das grenzüberschreitende Live-Remix-Festival PUNKT statt. Viele memorable Auftritte hat es seitdem dort gegeben. Nur konsequent, dass die beiden PUNKT-Masterminds Jan Bang und Erik Honoré mit Punkt Editions ein eigenes Unterlabel bei Bugge Wesseltoft´s Label Jazzland gegründet haben. Live- und Studioaufnahmen aus dem Festivalarchiv werden dort künftig veröffentlicht, aber auch neue Aufnahmen. Den Auftakt macht The Bow Maker, eine Zusammenarbeit von Sample- und Programmierspezialist Jan Bang mit dem britisch-japanischen Komponisten und Keyboarder Dai Fujikura. Mit den drei Cracks der norwegischen Jazz- und Elektronikszene Eivind Aarset, Arve Henriksen und Nils-Petter Molvær ist ein Album voller geheimnisvoller Klänge zwischen Ambient, Jazz, Experiment und Neuer Musik entstanden, die den Hörer auf abenteuerliche Klangreisen einlädt.
 
Bugge Wesseltoft & Henrik Schwarz: Duo II (Jazzland)   
Sie kommen wieder zusammen. Norwegens Jazzpianist Bugge Wesseltoft und der deutsche DJ und Techno-Produzent Henrik Schwarz haben auf Duo II ihr Instrumentarium erweitert und Gäste wie die Berliner Sängerin Kid Be Kid, Trompeter Sebastian Studnitzky oder die Streicher vom Solistenensemble Kaleidoskop zu den Aufnahmen in der Emmauskirche in Berlin eingeladen. Herausgekommen ist ein Werk  zwischen Pop, Electronica, Jazz und Kammermusik, das verschiedene Stimmungen und überraschende Sounds bereithält, wie die einer Marimba im Eröffnungsstück des Albums.   
 
Owls: Wendolins Monocle (Intersections)
Ein interdisziplinäres Werk hat das österreichische Klaviertrio Owls mit Wendolins Monocle geschaffen. Pianist Simon Oberleitner, Bassist David Ambrosch und Schlagzeuger Konstantin Kräutler-Horváth fügen ihrem frisch und europäisch klingenden, akustischen Jazz nicht nur durch Sound- und Effekt-Processing sowie gesampelten Sounds aus der Natur weitere Klänge hinzu, sie erweitern die Stücke auch noch durch Textrezitationen, ein Kornett eine gedämpft gespielte Trompete. So entstehen weitgefasste cineastische Momente.
 
Yosef Gutman Levitt: Upside Down Mountain (Eigenvertrieb)
Eine akustische Bassgitarre als Leadstimme, im Trio von Yosef Gutman Levitt funktioniert das wunderbar. Zusammen mit dem Pianisten Omri Mor und dem Schlagzeuger Ofri Nehemya spielt der in Südafrika geborene und in Jerusalem lebende Bassist einen lyrischen, melodieverliebten Jazz. Mit herrlich singenden Basslinien und einem feinen interaktiven Agieren aller drei Musiker. Zwischenzeitlich stieg Gutman komplett aus dem Musikgeschäft aus. Schön dass er seit ein paar Jahren wieder zurück ist.
 
Hilde Louise Asbjørnsen: Movies & Stories Like This (Sweet Morning Music)
Stimme und Klavier, mehr braucht es auf Movies & Stories Like This nicht um über all die Geheimnisse der Liebe in Tönen und poetischen Worten zu fabulieren. Genau das machen Hilde Louise Asbjørnsen und Anders Aarum auf diesem intimen Duo-Album neun eigene Stücke lang. Die norwegische Jazzsängerin und Songschreiberin und ihr Landsmann am Piano schwelgen dabei entspannt in Stimmungen, die stilistisch von Walzer bis Bolero, Tango oder Jazzballade reichen.   
 
Hornung Trio: Strukturen (Traumton)
Spannende Unregelmäßigten, nicht die typischen Abläufe eines Klaviertrios, kantige Strukturen in den Songs, Einflüsse von Spätromantik bis zur klassischen Moderne, ein Spannungsverhältnis von Schmerz und Euphorie, der Wechsel zwischen notierten und improvisierten Momenten – das Hornung Trio klingt so erfrischend anders als viele andere Dreiergespanne in dieser Besetzung. Pianist Ludwig Hornung, Bassist Phil Donkin und Schlagzeuger Bernd Oezsevim musizieren hier klangfarbenreich, rhythmisch verwegen und immer abenteuerlustig und voller Neugier. Das fesselt in jeder Minute beim Zuhören.
 
Kateryna Ostrovska: Blondzhendike Lider (DaCasa Records)
Für dieses Albumprojekt hat sie ihr Pseudonym Rosa Morena Russa, unter dem sie sonst veröffentlicht, abgelegt. Die im Süden Russlands in eine jüdische Musikerfamilie geborene, in Russland und der Ukraine aufgewachsene und mit 17 Jahren nach Deutschland gekommene Sängerin Kateryna Ostrovska hat mit Blondzhendike Lider (die wandernden Lieder) ein modernes jüdisches Musikalbum aufgenommen. Mit Gedichtvertonungen, die weltumspannend klingen, von Klezmer bis nach Buenos Aires oder dem Zuckerhut reichen, mit feinen Streicherarrangements ebenso verwöhnen wie mit quirligen südamerikanischen Rhythmen. Berührend schön
 
Peter Proschka: Organic Universe (Double Moon)
Piotr Schmidt: Komeda Unknown 1967 (o-tone music)
Zum Abschluss dieses Schnelldurchlaufs hier noch hörenswerte neue Alben zweier Trompeter. Der eine, der Kölner Pustefix Peter Proschka, setzt auf Organic Universe auf ein Quartett mit einem zweiten Bläser, Schlagzeug und Orgel (ganz stark: Clemens Orth). Auf den bis auf eine Ausnahme ausschließlich bandeigenen Kompositionen reiten Proschka und seine Mitstreiter aber nicht auf dem Klischee der stets groovenden 60s-Orgeljazz-Combo herum, auch wenn der Vierer herrlich zu grooven versteht. Aber hier gibt es mehr zu hören, melodisch starken, zeitgenössischen Jazz in vielen Facetten. Der polnische Trompeter Piotr Schmidt interpretiert auf Komeda Unknown 1967 zusammen mit einem hochkarätigen, internationalen Ensemble kürzlich in der Nationalbibliothek in Warschau gefundene, bislang unbekannte Kompositionen des Projektes My Sweet European Homeland des berühmten, leider viel zu früh verstorbenen polnischen Pianisten und Komponisten Krzysztof Komeda. Gefühl- aber auch kraftvolle, poetische, ideenreiche Musik im Geiste von Komeda.
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS Volume 20
Neue CDs, kurz vorgestellt
 
Matthias Schwengler: Soulcrane & Strings (Mons)
Jazzquartett & Streicher, das ist Soulcrane & Strings, der neue Wurf des Kölner Trompeters Matthias Schwengler. Eine Platte, die zur Entspannung am allerbesten gehört werden kann, ohne dass es dabei an spannenden Momenten fehlt. Aber der Grundton ist gedämpft, die Klangwelt warm, ruhig und herrlich dunkel gefärbt. Flügelhorn, Saxofon, Kontrabass, Gitarre auf der einen und die drei Celli und zwei Bratschen auf der anderen Seite liefern reiche harmonische und melodische Klangbilder, die sehr wohltuend wirken auf Körper und Geist.
 
Christian Muthspiel Orjazztra Vienna: Homecoming (Emarcy)
Christian Muthspiel: Diary 1989 – 2022 Selected Recordings (Emarcy)
Seine Karriere als Instrumentalist hat Christian Muthspiel Ende 2019 beendet um sich fortan um sein im gleichen Jahr neu gegründetes, 18-köpfiges Jazzorchester Orjazztra Vienna zu kümmern. Das im Frühjahr 2021 im Wiener Jazzclub Porgy & Bess wegen Corona ohne Publikum aufgenommene Doppelalbum Homecoming  zeigt den ehemaligen Posaunisten und Pianisten als talentierten Bigband-Leiter und –Komponisten, der seinem jungen Ensemble moderne und äußerst interessante ,spannende Jazzstücke auf den Leib geschneidert hat, in denen sie als voluminöser Klangkörper, aber auch solistisch brillieren können. Das Diary 1989 –2022 dagegen ist anlässlich des 60. Geburtstages von Christian Muthspiel in diesem September eine von ihm selbst zusammengestellte Kompilation aus Aufnahmen der letzten 33 Jahre. 32 Stücke zeigen auf diesem Doppelalbum die ganze Vielfalt, stilistische Bandbreite und Neugier des Österreichers, der hier in unterschiedlichen Formationen, etwa in Duos mit seinem Bruder Wolfgang Muthspiel oder dem Bassisten Steve Swallow oder dem eigenen Trio zu hören ist.
 
Maik Krahl Quartet: In-Between Flow (Challenge)
Der in Köln lebende Trompeter Maik Krahl zählt zu den vielversprechenden Namen des jungen deutschen Jazz, was er auf seinem dritten Album eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die acht von ihm selbst komponierten Stücke auf In-Between Flow klingen sicher nicht spektakulär, aber genau deshalb so wohltuend. Hier weiß einer wie man feinfühlige und dabei doch auch energievolle Jazzmusik mit starken Melodien und Geschichten schreibt und spielt - und den Hörer dabei auf unterschiedlichen Gefühls- und Stimmungsebenen abholt. Auf drei Stücken bekommt das exzellente Quartett Krahls noch Verstärkung von US-Gitarrist Kurt Rosenwinkel. Auch er ein Klangvisionär, dessen Zutaten hier ein gelungenes Werk abrunden.
 
Jennifer Hartswick: Something In The Water (Mack Avenue)
Was für ein Talent! Jennifer Hartswick singt verführerisch, spielt Tromepte und weiß auch noch Klasse-Songs zu komponieren. All das lässt sich nachhören auf auf ihrem vierten Album als Leaderin. Die Vollblutmusikerin hat für Something In The Water ein süffiges Programm zusammengestellt. Mit souligen Nummern, Songs mit Popappeal, Funk-Feeling, Balladen, Bluesigem und fetten Grooves. Für letztere sorgt ihr Labelboss Christian McBride höchstpersönlich auf seinem Tieftöner. Ob diese Platte auch Jazzpuristen zufriedenstellt? Vielleicht nicht, aber Musikliebhaber ohen Scheuklappen dürften ihren Spaß an dieser zudem sehr gut produzierten Produktion haben.
 
Cédric Hanriot: Time Is Color (Morphosis Arts)
Diese Musik entzieht sich geschickt einer Kategorisierung. Der Franzose Cédric Hanriot ist Jazzpianist, aber ebenso Soundkünstler. Mit seinem Trio mit Bassist Bertrand Beruard und Schlagzeiger Elie Martin-Charrière spielt er auf Time Is Color einen frischen, akustischen, mit elektronischen Texturen angereicherten Trio-Jazz. Aber diese Musik bietet noch mehr. Von den drei hier beteiligten Gästen auf Saxofon, Trompete und Vocals ist es vor allem US-Rapper Samuel Nash, der den herrlich urbanen Jazzmix mit seinem Sprechgesang prägt und immer wieder in eine andere, ziemlich lässige und coole Richtung führt.
 
Filipe Raposo: Øbsidiana – Trilogia Das Cores, Volume 2 (Lugre)  
Nach Øcre vor drei Jahren ist Øbsidiana nun der zweite Teil einer musikalischen Trilogie von Filipe Raposo, die sich auf insgesamt drei Farben bezieht – Rot, Schwarz und Weiß. Drei symbolische Farben, die die Menschheit schon seit der klassischen Antike begleiten. Er habe schon immer Farben in der Musik gespürt, erklärt der Protagonist zu diesem ungewöhnlichen Projekt. Dieses Mal ist es nach Rot die Farbe Schwarz. Klingt das Klaviersolo-Werk des portugiesischen Pianisten deshalb düster? Nein, seine Improvisationen und sein feinfühliges Klavierspiel nehmen den Zuhörer auf faszinierende, nicht nur dunkel tönende Klangreisen mit, die viele Interpretationen ermöglichen. Das als Buch-CD aufwendig gestaltete Werk ist etwas ganz Besonderes und ein schönes, hochwertig gestaltetes Geschenk obendrein.
 
Carlo Mombelli: Lullaby For Planet Earth (Clap Your Hands)
Der südafrikanische Bassist Carlo Mombelli trifft auf Lullaby For Planet Earth auf den österreichischen Gitarristen Wolfgang Muthspiel und den spanischen Drummer und Vibrafonisten Jorge Rossy. Zu dritt spielen sie zarte, warm tönende Wiegenlieder mit viel Raum für Ruhe, Atmosphärisches und ihr so wunderbares, melodiöses Zusammenspiel. Singende E-Bass-Linien treffen auf meist sanft schwingende Gitarrennoten. Das Schlagzeug schafft Verbindungen zwischen den Saiteninstrumenten, das Vibrafon setzt Kontrapunkte. Einfach traumhaft schön.   
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS Volume 16

Neue CDs, kurz vorgestellt

 
Brigitta Flick Quartet: Miniatures & Fragments (Double Moon)
Der Albumtitel ist hier Programm. Fragmentarisch geht es hier oft zu. Minimalistisch auch. Die Saxofonistin Brigitta Flick, Pianist Andreas Schmidt, Bassist James Banner und Schlagzeuger Max Andrzejewski musizieren mit viel persönlicher Freiheit offen melodisch in Flicks Eigenkompositionen, einem schwedischen Choral und zwei Jazzstandards. Lässig und mit Altersweisheit erklingt Flicks Tenorsax und ihre Band übernimmt diese Gelassenheit.
 
Chai Masters: Magic Realism (Challenge)
Chai Masters nennt sich ein junges Instrumental-Quintett aus internationalen Musikern, das hier auf dem Debütalbum mit Ausnahme von Charlie Parkers „Segment“ ausschließlich mit durcharrangierten Eigenkompositionen und virtuoser, lyrischer, ziemlich zeitloser Jazzmusik bestens zu unterhalten weiß.
 
The Rick Hollander Quartet feat. Brian Levy:
Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band (Laika)
Ein ikonisches Album neu aufnehmen ist schon ein Risiko. US-Drummer Rick Hollander und sein Quartett sind es eingegangen und haben den Beatles-Klassiker Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band auf ganz eigene Weise in ein hübsches Jazzkleid gesteckt. Hollander funktioniert dabei auch als Sänger und Präsentator. Das Ganze, gespielt auch mit Baritongitarre, Mandoline oder Steel Drums, hat Charme, Klasse und Humor. Entdeckenswert!
 
Riel / Petrescu / Locher: Live At Jazzhus Montmartre, Copenhagen (GLM)            
Intensiv kennengelernt hat sich dieses Trio erst vor ein paar Jahren. 2017 war man gemeinsam auf einer kurzen Tour unterwegs in Deutschland und der Schweiz. Danach lud der dänische Schlagzeuger Alex Riel seine beiden Trio-Kollegen, den rumänischen Pianisten Marian Petrescu und den Stuttgarter Bassisten Joel Locher, ein doch ins Jazzhus Montmartre nach Kopenhagen zu kommen, um zwei Doppelkonzerte zu spielen. Im September 2021 war es schließlich so weit. Entstanden ist aus diesen beiden Konzertabenden das nun vorliegende Livealbum. Eine Platte mit gleich mehreren Stücken von Oscar Peterson, mit Musik von George Gershwin, Bobby Timmons, Richard Rodgers oder Pat Metheny. Ein Album voller Standards, die aber herrlich erfrischend interpretiert werden.
 
Rusira Mixtett: Lecker Brass (Ajazz)
Sieben Bläser, dazu ein Schlagzeuger, das ist das Rusira Mixtett, Band der Berliner Saxofonistin, Klarinettistin und Flötistin Ruth Schepers. Eine Band, die die Learderin schon immer haben wollte. Gemeinsam durchstreift man angstfrei diverse musikalische Genres und kreiert daraus frische, fröhliche Musik, die mal beim Tango oder beim Pogo vorbeischaut, die groovt und schiebt, die aber auch mal verhalten klingen kann. Macht Spaß.
 
Ina Forsman: All There Is (Jazzhaus)
Sie selbst beschreibt ihre Musik als Cinematic Soul. Soulig ist sie auf jeden Fall. Und dass man beim Hören von All There Is unweigerlich an die Sechzigerjahre erinnert wird, auch das ist gewollt so. Mit der Stimme, die Ina Forsman ihre eigene nennt, kann man solchen 60s Soul auch bestens singen. Den schnellen und den langsamen, gefühlvollen. Zumal wenn die Songs die Klasse haben, die sie haben. Die in Berlin lebende Finnin hat hier alles richtig gemacht. Soul-Fans hingehört!
 
Lucibela: Amdjer (Lusafrica)
Längst ist Lucibela ein neuer Star am Himmel der kapverdischen Musik, was sie auf ihrem zweiten Album auch unter Beweis stellt. In Songs von unterschiedlichen kapverdischen Autoren widmet sich die Sängerin dem Thema Frau mit all ihren Facetten. Im Sound der Morna, der Coladeira, des Batuku oder Bolero verwöhnt Lucibela mit ihrer großartigen Stimme und ihrem berührenden Gesang und sorgt für Fernweh und sehnsüchtige Gefühle.
 
St. Beaufort: Those Windows (Blue Whale)
Folk und Bluegrass hat das deutsch-amerikanisch-chilenische, in Berlin beheimatete Trio St. Beaufort im Programm. Mehrstimmig interpretiert, gespielt auf Banjo, Gitarren, Akkordeon, Piano, Bass oder Mandoline, fordert der kreative Dreier die Hörgewohnheiten heraus. Denn plötzlich erklingen auch mal eine Trompete und ein Mellophon und lässt New Orleans-Feeling aufkommen. Nicht die einzige nette Überraschung.
 
Jochen Roß: Tides (Housemaster)
Mandolinenspieler (und Pianist) Jochen Roß zeigt auf Tides, dass die Mandoline in ganz unterschiedlichen Settings, Stilen und Stimmungen eingesetzt werden kann. In elektronisch bearbeiteten Jazzklanglandschaften etwa, schottischer Folklore, solo in einem virtuos gespielten Bach-Präludium, einem im Trio mit Kontrabass und Gitarre gespielten Walzer oder in meditativen Momenten, mit Sitar und Duduk. Ein Schwung an Gästen unterstützt den gebürtigen Nordhessen bei seinen so vielseitigen musikalischen Ausflügen.
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS Volume 15
 
Neue CDs, kurz vorgestellt
 
Tigran Hamasyan: StandArt (Nonesuch)
Als Interpret von Jazzstandards ist der armenische Pianist nicht gerade bekannt, aber hier hat Tigran Hamasyan neun davon neu eingespielt. Im Trio und mit namhaften Gästen, Trompeter Ambrose Akinmusire und den beiden Saxofonisten Joshua Redman und Mark Turner. Und StandArt zeigt eindrucksvoll: Hamasyan weiß auch klassisches Jazzrepertoire in schillernde, aufregende Musik zu verwandeln.
 
Phraim: Hysteria (QFTF)
Atmosphärische Musik, fragile Momente, lyrische Texte, aber auch zupackende Grooves zeichnet das schweiz-österreichische Quartett Phraim aus, das mit Hysteria das dritte gemeinsame Album veröffentlicht, welches ganz und gar nicht hysterisch klingt, sondern mit feinem, popgetränkten Songwriting und dem Gesang und Texten von Sängerin Nina Reiter verwöhnt.  
 
Yelena Eckemoff: I Am A Stranger In This World (L&H)
Die ungemein produktive Pianistin Yelena Eckemoff präsentiert auf diesem Doppelalbum wieder Vertonungen biblischer Psalmen, die sie geschickt in den Jazz und dieses Mal auch in den Blues überführt. Und unterstützt von einer exquisiten Jazzband mit Cracks wie Trompeter Ralph Alessi, den Gitarristen Adam Rogers und Ben Monder oder den Drummern Joey Baron und Nasheet Waits gelingt ihr das auf interessante und berührende Weise.
 
Melody Gardot & Philippe Baden Powell: Entre Eux Deux (Decca)
Baden Powells Sohnemann Philippe Baden Powell am Klavier und die famose Melody Gardot am Mikrofon, mehr braucht es hier nicht um ein intimes Album mit überwiegend eigenen Liedern auf Englisch und Französisch aufzunehmen und mit großen Gefühlen die Seele beim Zuhören zu massieren. Übers Balladentempo geht es dabei nie hinaus. Aber warum auch.  Wer so im gemäßigten Tempo spielen und singen kann wie diese beiden, der kann das auch zehn Stücke hintereinander ohne zu langweilen.    
 
Theo Pascal: Quamundos 2 (Galileo MC)
Der portugiesische Bassist und Tausendsassa Theo Pascal präsentiert hier sein ganz eigenes lusophones Musikuniversum, wo sich kapverdische und andere Rhythmen auf Funkiges und Freies, Sprech- und Geräuschschnipsel und kurze Gesangspassagen treffen. Ein brodelnder Soundkosmos, der aber dennoch nie überbordet, sondern schön strukturiert zu spannenden Hörabenteuern einlädt.
 
Mísia: Animal Sentimental (Galileo MC)
Noch was Lusophones: Die etwas andere Fadista Mísia hat den Fado spürbar im Blut und in der Stimme. Viele Songs auf Animal Sentimental sind wunderbar melancholische, verträumte und berührende Fados, aber ihre zeitgenössischen Gedichtvertonungen gehen über dieses Genre auch hinaus. Produziert vom preisgekrönten deutschen Toningenieur Wolf-Dieter Karwatky ist ein absolutes Meisterwerk der 66-Jährigen Sängerin entstanden.
 
Raf Vilar: Clichê (Ajabu!)
Aus Brasilien kommt Raf Vilar. Der Sänger und Songwriter serviert hier einen süffigen Mix aus traditionellen brasilianischen Rhythmen und Folk-Pop, mit Einflüssen des Bossa Nova oder des Tropicalismo. Vilar´s sanfter Gesang, Gitarre, Bass und Perkussion sind die Basis der gefühlvollen Songs dieses Albums, das nur einen kleinen Makel hat: dass es nach gut 35 Minuten leider schon ausklingt.
 
Olga Reznichenko Trio: Somnambule (Traumton)
Ihr Faible für russische Spätromantik ist hier zu spüren, aber auch die Lust am zeitgenössischen Jazz. Die in Russland geborene, aber 2012 nach Leipzig gezogene Pianistin Olga Reznichenko weiß diese beiden Vorlieben schlafwandlerisch zu verbinden mit ihrem Trio. Ein gewisser Schwermut zeichnet die Songs auf Somnambule aus, eine Schwermut, die aber wundervoll klingt. Weil das Trio hier viele Klangfelder auslotet, eine große Klangfarbigkeit bietet und virtuos gemeinsam als kompakte Einheit auftritt.  
 
Nduduzo Makhathini: In The Spirit Of Ntu (Blue Note Africa)
Die erste Veröffentlichung auf dem neuen Sublabel der berühmten US-Plattenfirma Blue Note ist In The Spirit Of Ntu von Nduduzo Makhathini. Mit einer Band aus aufregenden jungen Musikern Südafrikas liefert der südafrikanische Pianist ein kosmisches, spirituelles Album ab, auf dem er seinen Vorbildern wie John Coltrane, Bheki Mseleku oder McCoy Tyner, aber auch seinen südafrikanischen Wurzeln in zehn mitreißenden Tracks Tribut zollt.   
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS Volume 14
 
Mehr News aus der Plattenwelt
 
Joel Ross: The Parable of The Poet (Blue Note)
Eine siebenteilige Suite hat Vibrafonist und Komponist Joel Ross für sein drittes Album beim Renommierlabel Blue Note geschrieben. Es ist ein Werk von großer lyrischer Ästhetik geworden. Der Opener „Prayer“ klingt wie ein in Töne gefasstes Gebet, andere Teile zeichnen sich durch große Emotionalität aus. Viele Songs sind aus improvisierten Sessions entstanden. Dabei zuzuhören, was der Wahl-New Yorker und sein vorzügliches, achtköpfiges Ensemble daraus machen, ist dank seiner Vielschichtigkeit jederzeit spannend. Auch weil die Beteiligten hier als Team kleine Teile zu einem großen Ganzen zusammenfügen.
 
Fabian Willmann Trio: Balance (Clap Your Hands)
Für den Berliner Tenorsaxofonisten Fabian WIllmann ist Balance das Debütalbum unter eigenem Namen, für das er neben Bassist Arne Huber gleich mal den bekannten US-Schlagzeuger Jeff Ballard gewinnen konnte, mit dem er seit seinem Studium in Basel verbunden ist. Außerdem ist Asger Nissen als zweite Saxofonstimme auf dem Alt bei drei der sieben Stücke zu hören. Poetisch und schlicht sind die Stücke, zumeist aus Willmanns Feder. Auf den Punkt gebracht und ohne jegliche Geschwätzigkeit, aber dafür mit beeindruckender Abgeklärtheit spielt er sein Tenorsaxofon. Herrlich sind seine Gespräche mit der Altsaxstimme von Asger Nissen wie auch die immer erlebbare Spontaneität auf diesem vorzüglichen Album.   
 
Heiner Schmitz: Tales From The Wooden Kingdom (Klaeng)
Der Kölner Komponist und Saxofonist Heiner Schmitz hat sich für sein zweites Album mit dem Cologne Contemporary Jazz Orchestra (CCJO) zusätzlich noch die österreichische Sängerin Veronika Morscher in den Kammermusiksaal des Deutschlandfunk eingeladen um Tales From The Wooden Kingdom aufzunehmen. Entstanden ist eine große Klangwelt, die immer das Thema Wald in den Fokus rückt. Viele Assoziationen lassen sich da imaginär vorstellen. Die Stimme von Veronika Morscher und ihre gesungenen und gesprochenen poetischen Gedichte sind dabei ein wesentlicher Bestandteil. Wie bei einem Waldspaziergang gibt es hier beim Hören der Musik vieles zu entdecken.
 
Kika Sprangers: Mind´s Eye (Berthold)
Für ihr Debütalbum wurde sie in ihrer holländischen Heimat gleich mal für die Edison Jazz Award nominiert, dem niederländischen Grammy. So kann man mal eine Karriere starten. Mit Mind´s Eye bringt die junge Saxofonistin Kika Sprangers nun ihr zweites Album heraus. Aufgenommen im Osnabrücker Fattoria Musica-Tonstudio zeigt sich die Holländerin hier als sehr geschmackvolle, spirituelle, gefühlvolle Komponistin und Instrumentalistin. Von einer zeitlosen Schönheit sind ihre Stücke Musik. Wunderbar warm ertönt ihre Saxofonstimme, die sie immer wieder geschickt mit den wortlosen Gesangslinien von Anna Serierse verknüpft und so atmosphärische Momente noch verdichtet. Musik für Herz und Seele.
 
Majamisty Trio: Wind Rose (Mistyland)
Mit ihrem bereits vierten Studioalbum ziehen die serbische Pianistin Maja Alvanović und ihr mit Kontrabassist Ervin Malina und Schlagzeuger Lav Kovač besetztes Majamisty TriO den Hörer vom ersten Moment an in ihren Bann. Denn ihr Klavierspiel erzeugt durchweg große Emotionen, ihre mitunter romantischen Melodien berühren, und das Trio kommuniziert wunderbar organisch miteinander. Die mazedonische Sängerin Aneta George und der deutsche Holzbläser Ulrich Drechsler setzen hier weitere Akzente im lyrischen, manchmal leicht verträumten Jazz der Serben. Kleiner Tipp: Unbedingt auch in die ersten drei Alben Mistyland, Love und Organic dieses entdeckenswerten Trios reinhören.
 
Rudi Berger Quintet: Longings (Gramola)
Ein Jazzquintett mit Geige und Flöte als führende Soloinstrumente ist eher ungewöhnlich. Nicht für den Wiener Geiger Rudi Berger. Der hat sein Instrument schon als Solist im Vienna Art Orchestra seit dessen Gründung gespielt, danach lange in New York gelebt und mit dortigen Cracks musiziert. In Brasilien unterrichtete der Österreicher danach ein paar Jahre lange an einer Universität. Diese ganze Vielfalt in seinem Leben spiegelt sich auch in der Musik von Longings wider. New Yorker Jazz trifft hier auf brasilianische Rhythmen und Melodien. Und die eine oder andere Zutat, auch aus Wien, wurde in den gefühlvollen Liedern über Sehnsüchte und Hoffnung ebenfalls noch eingerührt.
 
Lukas Langguth Trio: Save Me From Myself (Unit)
Das noch junge Trio des jungen Pianisten Lukas Langguth sprüht förmlich vor Energie. Diesen Eindruck bekommt man gleich schon beim ersten Stück des Albums. Doch der gebürtig Augsburger kann es auch mit ein wenig reduzierter Power. Geschmeidig ist dann sein Spiel und fein die Zusammenarbeit mit Bassist Hannes Stegmeier und Schlagzeuger Jonas Sorgenfrei, die beide dem Pianisten im Gestalterischen in nichts nachstehen. Als „Cinematic Jazz“ lässt das Trio seine Musik beschreiben. Und sicher würde die eine oder andere Melodie und das eine oder andere erfrischende, virtuose Stück Musk gut zu einem Film passen.
 
Kurt Rosenwinkel & Jean-Paul Brodbeck: The Chopin Project (Heartcore)
Musik von Frédéric Chopin umgeschrieben für ein Jazzquartett – der US-Gitarrist Kurt Rosenwinkel und der Schweizer Pianist Jean-Paul Brodbeck haben das mit zehn Kompositionen des polnisch-französischen klassischen Komponisten und Pianisten getan. Brodbeck hat Chopins zeitlos romantische Musik, Préludes, Etüden oder einen Walzer, neu gedacht und arrangiert und daraus Swing- und Postbopstücke oder einen Blues kreiert, mit Grooves und Schwung. Ideal für die teils ekstatischen Gitarrenlinien von Kurt Rosenwinkel, die der Amerikaner herrlich in den Jazzorbit fliegen lässt.     
 
Malika Tirolien: Higher (o-tone music)
Sie ist Leadsängerin bei der Band Bokanté, hat mit Snarky Puppy zusammengearbeitet, ist aber als Solokünstlerin mindestens ebenso interessant. Geboren in Guadeloupe, als Teenager ins kanadische Montreal gekommen und dort geblieben, bietet Malika Tirolien auf ihrem neuesten Album Higher einen betörenden Mix aus Jazz, Funk, Neo-Soul, R&B und HipHop. Dabei überstrahlt ihre kraftvolle und souverän klingende Stimme, mit der sie auch als Rapperin eine gute Figur macht, alles in den energiegeladenen, lebendigen Arrangements der Songs.
 
Text: Christoph Giese


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Einspielbesprechung:
 
Corinna Reich Quintett — „Constant Calibration“
 
Besetzung:
Corinna Reich – vocals,
Jörg Miegel – saxophone, alto flute
Thibault Falk – piano,
Horst Nonnenmacher – bass
Tom Dayan – drums
 
Vor einiger Zeit bekam ich eine CD-Einspielung vom Corinna Reich Quartett geschickt, die mir ihre Tochter Marie Reich, eine phantastische junge Geigerin, zukommen ließ.
 
Der Titel „Constant Calibration“ hört sich an wie eine Einspielung, die durch konstantes Kalibrieren auf einem immer hohen Niveau, Spannung und Spontanität verspricht.
 
Die erfahrene Sängerin verkörpert in ihren Kompositionen oder Arrangements auch einen Teil ihrer abwechslungsreichen Lebensgeschichte, die mit der Flucht ihrer Mutter aus Prag nach dem Kriege und einen Teil der verlorenen Heimat in sich selbst trägt. Die teils lyrischen Kompositionen beinhalten Melancholie, Sehnsüchte, Liebe, Trauer, Schmerz, aber auch den Aufbruch in neue verschlungene Wege.
 
Ihre Band ist international besetzt und prägt durch die Vielfalt der musikalischen Mentalitäten den wunderbaren Sound dieser Einspielung. Ihre Songs, so wie die armenischen Volkslieder werden hervorragend in einen Modern-Jazz-Sound eingegliedert.
 
Das Zusammenspiel ist äußerst sensibel und Gefühlvoll. Ein Beispiel ist die erste Komposition „kani vur jan im“ und „constant calibration“. Der Sound ist Voluminös und rund, Bass, Piano und Drums tragen Corinna Reich mit ihrer klaren und etwas tiefen Stimme zu einem Vokal-Erlebnis. Saxophon und Flöte bereichern durch ihre virtuosen Soli das Ganze und runden es ab. In der Komposition „I sleep tot he sound of rain“ kommt die Tiefe und der Ausdruck klar zum tragen, besser geht es nicht und ist ein tolles Hörerlebnis.
 
Text: Kurt Rade, Fotos: Michaela Dzurna & Dovile Serkomas
 


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FAST TRACKS Volume 13
 
Mehr frische Musik – in vielen Schattierungen.
 
Svein Rikard Mathisen & John Derek Bishop: Calm Brutalism (Curling Legs)
Der norwegische Gitarrist Svein Rikard Mathisen und der norwegisch-amerikanische Elektronikmusiker und Produzent John Derek Bishop schaffen hier Soundscapes, die viel Raum für eigene Interpretationen lassen. Der architektonische Ansatz des Brutalismus ist Ausgangspunkt der Kompositionen, die zunächst dunkel und eher düster beginnen, später aber auch helle Lichtstrahlen zulassen. Sparsame Gitarrenfiguren, Knistergeräusche, Rauschen und Rückkopplungen – aus vielen kleinen Bausteinen bastelst sich dieses Duo seinen ganz eigenen Klangkosmos.
 
McCoy Tyner /  Freddie Hubbard Quartet: Live At Fabrik (Jazzline)
The Gil Evans Orchestra: Live At Fabrik (Jazzline)
Die einen waren im Juni 1986 zu Gast im Hamburger Kulturzentrum Fabrik, die anderen ein paar Monate später im Oktober. Und jedes Mal liefen glücklicherweise die Aufnahmebänder mit bei den Auftritten. Trompeter Freddie Hubbard und das Trio des Pianisten McCoy Tyner brennen schon gleich im Opener dieses beim Hamburger Jazzfestival aufgenommenen Konzertes ein Feuerwerk an Energie und Spielfreude ab, das einem die Ohren wackeln. Hart swingend, mit Biss und spürbarer Leidenschaft geht es zur Sache. Und ob Blues oder Ballade, die vier Musiker reißen das Publikum bei ihrem Auftritt immer wieder völlig zurecht mit.
 
Knapp zwei Jahre vor seinem Tod schaute Gil Evans mit seinem Gil Evans Orchestra in Hamburg beim Jazzfestival vorbei. Die nun erscheinende Doppel-CD bzw. 3er-LP zeigt noch einmal die ganze Klasse dieser Bigband, in der klangvolle Namen des Jazz wie Gitarrist Hiram Bullock, Trompeter Lew Soloff, Saxofonist Bill Evans, Perkussionistin Marilyn Mazur oder Drummer Victor Lewis mitspielten. Viele Stücke von Jimi Hendrix sind hier vor allem zu hören. In langen, spannenden Versionen, die freies solistisches Spiel, virtuose Momente und wuchtige Bigbandsounds genial miteinander verbinden. Das hätte Gitarren-Hexer Jimi sicher gefallen.    
 
Gerald Clayton: Bells On Sand (Blue Note)
Gerald Clayton zählt zu den spannenden Jazzpianisten einer neuen Generation. Für sein zweites Blue Note-Album hat der US-Amerikaner aber auch zwei alte Haudegen als Gäste mit an Bord: Vater John Clayton am Kontrabass und Saxofonist Charles Lloyd, in dessen Band er ja auch spielt. Dazu geselltt sich gelegentlich noch Drummer Justin Brown und die junge, aufregende Sängerin Maro aus Portugal, die bei zwei Stücken mit leicht rauchigem, betörendem Gesang verwöhnt. Kompositionen des Katalanen Federico Mompou, der Jazzstandard „My Ideal“ in gleich zwei Solo-Versionen und eigene Stücke bilden das Programm einer Aufnahme mit vielen Stimmungen. Clayton ist hier ein wunderbares, zumeist minimalistisch gehaltenes Werk gelungen.
 
Äl Jawala: I Way To Äl (Jawa)
Gute Laune verströmt die Freiburger Balkan Beats-Band Äl Jawala auf ihrem neuen Werk. Seit über zwei Jahrzehnten schon kommt diese animierende Musik aus dem Südwesten unserer Republik. Drei neue Stücke, bisher unveröffentlichtes Material sowie Klassiker und Publikumslieblinge haben den Weg auf den Jubiläumstonträger geschafft. Und so ist I Way To Äl ein bunter, zumeist tanzbarer Stilritt geworden, bei dem Balkan auf Afrobeat oder arabische Elemente trifft und sich dennoch eine hippe, westliche Urbanität bewahrt.    
 
Niklas Roever Quartett: Hell´s The Hippest Way To Go (JazzHausMusik)
Hannes Zerbe Quintett: Live im A-Trane Berlin (JazzHausMusik)
Zwei Pianisten vom Kölner Label JazzHausMusik erfreuen den geneigten Jazzhörer mit neuen Platten. Das Quartett des jungen Kölner Pianisten Niklas Roever hat Hell´s The Hippest Way To Go live im Kölner Loft eingespielt. Und Roever hat seit einem Erasmus-Aufenthalt in Paris mehr gesangsbezogen komponiert. Deshalb erweitert Sängerin Lina Knörr auch seit zwei Jahren das eigentliche Trio und ist als echte vierte, gleichberechtigte Stimme hier mehr als nur Frontfrau in den ausgereiften, interessanten Modern Jazz-Kompositionen des Bandleaders.  
 
Hannes Zerbe ist dagegen schon ein alter Hase, der schon zu DDR-Zeiten mit seiner Blech Band für Furore sorgte. Im letzten Jahr bekam er den Jazzpreis der Stadt Berlin, wo er lebt, verliehen. Das nur veröffentlichte Preisträgerkonzert mit seinem Quintett aus dem Jazzclub A-Trane zeigt Zerbe sowohl als Pianisten und Komponisten als originellen Musiker, der ganz klare Improvisationsvorstellungen für seine Musik hat und dabei gerne Verbindungslinien von Jazz zur E-Musik sucht.    
 
Tuomas A. Turunen: Lifesparks (Skip)
Die meisten dürften Tuomas A. Turunen als Pianist im Emil Brandqvist Trio kennen. Auf Lifesparks präsentiert sich der in Südfrankreich lebende Finne solo am Konzertflügel. Aufgenommen im berühmten Arte Suono-Studio im italienischen Udine, betört Turunen mit gefühlvollen, zarten Klängen. Lyrisch und verträumt klingt seine von wunderschönen Melodien getragene Musik. In Töne gefasste Poesie trifft auf große Emotionen und eine sanfte VIrtuositöt, in einem Crossoverfeld aus Jazz und Klassik.
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS Volume 12
 
Hier ein weiterer bunter Querschnitt durch neue Platten.
 
Lars Duppler: Unbound (Tangible Music)
Zusammen mit Saxofonist Denis Gäbel und Schlagzeuger Jens Düppe hat Tastenmann Lars Duppler, der hier ausschließlich ein altes Fender Rhodes und einen Moog Prodigy-Synthesizer bedient, ein neues Trio gegründet, das mit Unbound ein frisches Album eingespielt hat, das atmosphärisch und virtuos zugleich ist, das schön groovt, hip und aktuell klingt. Durch die Musik, die sich in offen gehaltenen Soundräumen schön frei entfalten kann.
 
Yakir Arbib: Three Colors (Jazzline)
Auch der israelische Pianist Yakir Arbib setzt hir auf ein Trioformat. Zusammen mit dem Bassisten Chris Jennings und dem Schlagzeuger Roberto Giaquinto gibt es neben zwei Fremdkompositionen ausschließlich Stücke des Pianisten zu hören, die so manches Mal seine Herkunft nicht verleugnen. Auch wenn sie sich im Jazzidiom bewegen, mit ausgefeilter Rhythmik und federleichtem Spiel beeindrucken. Herrlich auch welch verschachtelten Beat das Trio dem alten Standard „You Go To My Head“ gleich zu Beginn des Albums unterrührt. Diese Einspielung mit Three Colors zu betiteln ist eine glatte Untertreibung.  
 
Fabian Dudek: Isolated Flowers (Traumton)
Die renommierte FAZ nennt ihn einen „echten Überflieger des zeitgenössischen Jazz“. Und das ist der 1995 geborene Saxofobist und Komponist Fabian Dudek sicher auch. Und ein explosiver Musiker ist er obendrein. Gleich im Auftaktstück seiner neuen Quartett-CD bläst er sich die Seele aus dem Leib, lässt sein Altsax hochemotional quietschen und kreischen. Und mit hoher Intensität geht es auf Isolated Flowers auch weiter. Mit seinen drei Bandmitgliedern musiziert Dudek auf Augenhöhe. Hier ist ein gleichberechtigter Vierer am Werk, der viele Freiräume auslotet, sich ekstatisch hochschwingt zu wilden Statements. Manchmal ist die geballte Energie des Bandleaders ein wenig anstrengend. Aber spannend ist dieses Quartett.   
 
Max Frankl: 72 Orchard Street (nWog)
Ein feines Album hat der in Zürich lebende Max Frankl mit 72 Orchard Street aufgenommen. Was auch daran liegt dass der deutsche Gitarrist mit Posaunist Nils Wogram oder Saxofonist Reto Suhner Stimmen in seinem Quintett hat, die all die unterschiedlichen Stimmungen dieser Platte ebenso farbenreich wiedergeben können wie der Bandleader. Und vor allem musiziert hier ein echtes Kollektiv miteinander, das sich bei den Aufnahmen gemeinsam in einem Raum befand und nicht in einzelnen Aufnahmekabinen. Das hört man der Direktheit und Verbundenheit der Musik an, die in vielen Schattierungen mit modernem Jazz verwöhnt.
 
Danilo Pérez feat. The Global Messengers: Crisálida (Mack Avenue)
Das neueste Werk des panamesischen Pianisten Danilo Pérez ist in interdisziplinäres Projekt, bestehend aus zwei je vierteiligen Suiten. Zusammen mit einer multikulturellen Band und einer vor allem für den Jazz ungewöhnlichen Instrumentierung, den Global Messengers, sowie Gastmusikern, darunter auch Perez´ Ehefrau, ist inspiriert von Werken der panamesischen Malerin Olga Sinclair oder eines panamesischen Fotografen ein Projekt entstanden, das den Hörer animieren soll sich eine Welt mit eigenen Schaffensmöglichkeiten vorzustellen.
 
Maridalen: Bortenfor (Jazzland)
Das norwegische Trio Maridalen verwöhnt auf Bortenfor mit melancholischen, melodiösen, hymnischen und mitunter tanzbaren, luftigen Stücken Musik. Trompeter Jonas Kilmork Vemøy, Saxofonist Anders Hefre und Kontrabassist Andreas Rødland Haga spielen mit wahnsinnig viel Gefühl, so dass man schnell berührt wird von dieser Musik. Ein Klavier und eine Pedal Steel-Gitarre sorgen dann und wann für zusätzliche Klänge, aber auch n ur mit Trompete, Saxofon und Bass kreiert dieses Trio viele atmosphärische nordisch klingenden Momente.
 
Marjan Vahdat: Our Garden Is Alone (Kirkelig Kulturverksted)
Was für eine Stimme, was für Emotionen, was für zauberhafte Musik. Das vom Norweger Bugge Weseltoft produzierte und arrangierte neue, dritte Soloalbum der iranischen Sängerin Marjan Vahdat steckt voller Sehnsüchte, ob nach dem Liebsten oder dem Land Iran. Obwohl die Sängerin einen Großteil der Melodien und Texte selbst beigesteuert hat, beziehen sich die melodischen und lyrischen Elemente dieser Produktion auf traditionelle Wurzeln des Iran, auf Werke von zeitgenössischen iranischen Dichtern. Diese gesungene Poesie, im Verbund mit der berührenden Musik, wird durchweg zu einem sehr gefühlsintensiven Erlebnis.
 
Various Artists: Black Lives – From Generation To Generation (Jammin´colorS)
Ein Sampler als Statement gegen Rassismus und Unterdrückung, genau das ist Black Lives – From Generation To Generation. Der Impuls für dieses Projekt kam von der belgischen Produzentin Stefany Calembert, die als weiße Frau mit einem der beteiligten schwarzen Musiker (Bassist Reggie Washington) schon lange verheiratet ist und das Thema Rassismus aus eigener Erfahrung gut kennt. Und so hat sie 25 schwarzen Künstlern aus den USA, diversen afrikanischen Ländern und der Karibik hier einen Raum für ihre Lieder gegen des Rassismus gegeben.  Herausgekommen sind 20 Songs schwarzer Musik mit einer großen Bandbreite, vom energiegeladenen Soul einer Stephanie McKay, über Jazz mit Rap der Brüder David und Marque Gilmour feat. Shariff Simmons, einer Hymne für ein besseres Morgen des Jazztrompeters Jeremy Pelt bis hin zur Polyrhythmik eines Cheick Tidiane Seck aus Mali.
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS Volume 11
 
Der Frühling naht. Und mit ihm viele neue Platten. Hier ein bunter Querschnitt.
 
Gina Schwarz / Angelo da Silva: Fusão (Galileo MC)
Eine akustische Gitarre und ein Kontrabass, mehr braucht es hier nicht um eine herrliche Fusion, eine Fusão, zweier Saiteninstrumente herzustellen. Die Wienerin Gina Schwarz und der gebürtige, mittlerweile in Österreich lebende Brasilianer Angelo da Silva sind hier als kongeniales und gleichberechtigtes Duo zu hören. Denn es ist keineswegs so dass die Gitarre von Angelo da Silva immer die Richtung vorgibt. Auch der Kontrabass darf führen und tut das auch in einem Programm aus ausschließlich eigenen Stücken, die poetisch, mediterran, lusophon, mal seelenvoll und melancholisch, dann wieder virtuos und quirlig erklingen.

Paolo Fresu – Daniele di Bonaventura – Pierpaolo Vacca:
Tango Macondo (Tŭk Music)
Tango Macondo ist der Titel eines Theaterstückes, für das Trompeter Paolo Fresu und seine beiden Mitstreiter Daniele di Bonaventura (Bandoneon, Klavier) und Pierpaolo Vacca (diatonisches Akkordeon) die Musik geschrieben bzw. arrangiert haben. Tangos, populäre Musik oder Traditionals interpretiert das Trio, auch mal mit Unterstützung dreier großartiger Stimmen der italienischen Popszene. Entstanden ist ein bislang unveröffentlichter Soundtrack, der nun auf CD, Vinyl und digital erscheint und einmal mehr die große Vielseitigkeit Fresus zeigt. Und hier zusammen mit seinen Mitstreitern lyrische, emotionale, traumhaft schöne Musik interpretiert und spielt.
 
Morello / Francel / Faller: Living Is Easy, Mostly (GLM Fine Music)
Drei Freunde, die sich immer wieder mal getroffen haben musikalisch, haben nun ein gemeinsames Trio. Gitarrist Paulo Morello, Saxofonist und Klarinettist Mulo Francel sowie Bassist Sven Faller begeben sich auf Living Is Easy, Mostly in vierzehn selbstkomponierten Stücken auf intime musikalische Gespräche voller Gefühl, Weltoffenheit, Liebe zum Jazz und den Klängen des Globus. Hier von grenzüberschreitender Musik zu sprechen trifft die Sache zu einhundert Prozent. Und mit ihrem feinen Gespür für schöne Melodien und Arrangements berühren oder beschwingen die drei Ausnahmemusiker beim Zuhören durchweg.
 
VEIN: Our Roots (Kartell)  
Das Schweizer Trio VEIN beleuchtet mit Our Roots einmal mehr den Weg, die klassische Musik als Ausgangspunkt für einen ganz individuellen Jazz zu sehen und zu nutzen. Michael Arbenz (Piano), Florian Arbenz (Schlagzeug) und Bassist Thomas Lähns ließen sich für das neue Album von Kompositionen von Strawinsky, Bartók, Scriabin, Beethoven, Mussorgsky oder Mozart zu hoch spannenden eigenen Jazzstücken inspirieren. Die lassen den Bezug zu dem jeweils verwendeten Original  spüren, bestechen auf der anderen Seite aber durch ihre interpretatorischen Freiräume. Der Klassik mit frischen Ansätzen zu begegnen, das gelingt den drei in Basel geborenen Musikern hier vorzüglich.
 
Bastian Jütte Quartet: The Cure (Laika)
Der Münchener Schlagzeuger Bastian Jütte verwöhnt auch mit dem zweiten Album seines famosen Jazz-Quartetts mit Pianist Rainer Böhm, Bassist Henning Sieverts und Saxofonist Florian Trübsbach. Hier musizieren vier Alleskönner als wunderbare Einheit miteinander, ohne dabei eigene kreative Freiräume zu vernachlässigen. Eine Woche vor dem ersten bundesweiten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 eingespielt, herrscht schon ein melancholischer und stimmungsvoller Grundton vor. Aber das Quartett sendet in den Kompositionen des Bandleaders, die hier eben auf verschiedene Arten berühren, zwischendurch auch immer wieder positive, kraftvolle Statements.
 
Brad Mehldau: Jacob´s Ladder (Nonesuch)     
Inspiriert vom Prog-Rock, den er als Jugendlicher liebte, hat Brad Mehldau mit Jacob´s Ladder ein Konzeptalbum geschaffen, das ihn in seine Jazzfusion-Vergangenheit zurückführt. Denn durch Fusionkünstler wie Miles Davis, Weather Report oder das Mahavishnu Orchestra hatte der US-amerikanische Pianist einst seinen persönlichen Zugang zum Jazz gefunden. Und so geht es hier wild und heftig rockig oder jazzvirtuos zur Sache, dann ganz überraschend aber auch wieder zart und verträumt. Namhafte Kollegen wie Drummer Mark Giuliana, Saxofonist Joel Frahm oder Sängerin Becca Stevens unterstützen Mehldau auf diesem auch religiös angehauchtem Werk, das auch eine feine Reinterpretation des Songs „Tom Sawyer“ der kanadischen Rockband Rush bereithält.
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS  Volume 10

Stimmlastig sind dieses Mal die Neuvorstellungen. Aber nicht nur. Auch starke Instrumentalisten haben neue Tonträger.
 
Esther Kaiser: Water (Fine Music)
Ein ganzes Album dem Überlebenselement Wasser zu widmen, Esther Kaiser hat mit Water genau das gemacht. Kritische Texte und dazu beseelte Musik ergeben eine poetische Sichtweise auf dieses wichtige Thema. Die Sängerin und Professorin an der Musikhochschule in Dresden hat mit ihren langjährigen musikalischen Partnern, dem Pianisten Tino Derado und dem Bassisten Marc Muellbauer, Stücke geschrieben und zusammen mit ihnen und ein paar Gästen eingespielt. Selbst eine wasserbetriebene Glasharfe, bedient von Esther Kaiser selbst, kommt hier zum Einsatz. Auf einem Album, das die Auseinandersetzungen mit dem Thema Wasser nie in zu bedeutungsschwere Momente abgleiten lässt, sondern sensibel thematisiert.    
 
Aline Frazão: Uma Música Angolana (flowfish)
Der Albumtitel ist Programm. Und hat gleich mal drei Bedeutungen: Ein angolanisches Lied, eine angolanische Musik, eine angolanische Musikerin. Als solche in ihrem Heimatland als Frau voll akzeptiert zu werden, noch immer schwierig, hat Aline Frazão kürzlich erst ein einer Radiosendung erzählt. Ja, eine Frau kann schon Sängerin sein. Aber Musikerin, Songschreiberin, Produzentin? Aber all das ist die Angolanerin mit der so schmeichelnden, warmen Stimme, die auch auf ihrem neuen Album wieder die lusophone Musikwelt in all ihrer Vielfalt präsentiert - mit Rhythmen aus Angola, Brasilien oder den Kapverden. Schon alleine wie sie Angolas Hauptstadt Luanda in einer Nummer ganz lässig und romantisch besingt – einfach nur zauberhaft!  
 
Cécile McLorin Salvant: Ghost Song (Nonesuch)
Sie ist eine, wenn nicht sogar die spannendste Stimme des aktuellen Jazz. Die US-amerikanische Sängerin mit karibischen Wurzeln Cécile McLorin Salvant kann mit ihrer Vieroktaven-Stimme einfach alles singen, und das absolut intonationssicher. Und sie liebt es zu überraschen. Was für ein Vielfalt gibt es auf dem neuen Werk der dreifachen Grammy-Preisträgerin zu hören! Einen unbegleiteten, also a-cappella gesungenen Traditional etwa, der unter die Haut geht als Rausschmeißer des Albums. Oder ein traditioneller irischer Kantus zu Beginn, unbegleitet gesungen in einer Kirche, mit dem Hall der Kirchenwände, der dann überraschend in Kate Bushs „Wuthering Heights“ einbiegt. Dazu kommen eigene Stücke, Musik aus der Dreigroschenoper oder was von Sting. Aber alles klingt immer nach ihr. Sehr spannend.     
 
Melissa Aldana: 12 Stars (Blue Note)
Die aus Chile stammende und in Brooklyn, New York lebende Saxofonistin und Komponistin Melissa Aldana gibt mit 12 Stars ihr Solodebüt als Blue Note-Künstlerin. Mit ihrem feinen Quintett um Gitarrist Lage Lund und Pianist Sullivan Fortner spielt sie einen unaufgeregten, melodischen Modern Jazz mit vielen Farbschattierungen. Ihr Ton auf dem Tenorsaxofon ist warm, emotional und geschmeidig, ihre Band kommuniziert gefühl- und geschmackvoll. Das Artwork des CD-Covers stammt übrigens von – Cécile McLorin Salvant.
 
Martin Wind New York Bass Quartet: Air (Laika)
Gleich vier Kontrabässe gibt es hier zu hören. Denn das New York Bass Quartet des aus Flensburg stammenden, seit mehr als einem Vierteljahrhundert aber schon im Big Apple lebenden Kontrabassisten Martin Wind vereint drei weitere Instrumentenkollegen in einer Band. Dazu kommen hier noch als Gäste die beiden Schlagzeuger Matt Wilson und Lenny White sowie Pianist und Organist Gary Versace. Im Zentrum eines bunten Programms mit eigener Musik, einem Beatles-Medley,  Bach-Chorälen oder Stücken von Joe Zawinul oder Pat Metheny aber stehen die sehr interessanten, mehrstimmigen Klänge der vier Tieftöner.  
Helge Lien Trio: Revisited (Ozella)
Jacob Karlzon: Wanderlust (Warner)
The Spam: Between (www.spamjazztrio.com)
Zum Schluss noch drei Piano-Trios, die mit neuen Scheiben aufwarten. Im Falle des Helge Lien Trio aber gibt es auf Revisited ausschließlich schon veröffentlichtes, bekanntes Material zu hören, dass der norwegische Bassist mit seinem neuformierten Trio allerdings noch einmal eingespielt hat, in einer Kirche und live auf einem Festival in seiner Heimatstadt Hamar. Hörenswert!
 
Der schwedische Tastendrücker Jacob Karlzon spielt sich auf Wanderlust durch Rockgrooves, erweitert seinen akustischen Klavierklang gerne auch mal mit dem Synthesizer, musiziert zurückgenommen mit zwei hochkarätigen Gästen, dem Gitarristen Dominic Miller und dem Trompeter Matthias Eick, oder verwöhnt mit perlendem Wohlfühl-Jazz.
 
Auch das Ruhrgebiets-Jazztrio The Spam um den Bochumer Pianisten Oliver Schroer hat sich Gäste eingeladen, darunter den Kölner Trompeter Matthias Bergmann. Und spielt auf Between einen erfrischenden, groovigen, modernen Jazz, der durch starke Melodien und feines Zusammenspiel besticht.
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS Volume 9
 
Eine bunte Palette von Klängen erwartet den Leser dieser FAST TRACKS. Los geht es mit einer atemberaubenden Stimme.
 
Lady Blackbird: Black Acid Soul (Foundation Music Productions)
 
Ja, was für eine Stimme hat diese Frau nur, die sich Lady Blackbird nennt, nach dem ersten Song ihrem fantastischen Debütalbum. Das beginnt nämlich mit Nina Simone Protestsong Blackbird, den Marley Munroe alias Lady Blackbird hier ziemlich ergreifend singt. Und so geht ihr Album auch weiter. Bisweilen verhangene Jazzballaden und weitere Songs, vielfach aus den 1960er Jahren, bilden den Rahmen für diesen sofort unter die Haut gehenden Gesang der Ausnahmekünstlerin aus Los Angeles, die hier R&B, Jazz, Blues und Soul eine neue, herzzerreißende Stimme gibt.      
 
Jessica de Boer: Grow (Challenge)
 
Die junge niederländische Sängerin Jessica de Boer hat dagegen alle Songs ihres Debüts selbst geschrieben. Und überzeugt mit ihrer klaren Stimme und ihrer lockeren Verspieltheit beim Singen. Ihr farbenfroher, positiver Jazz mit Anklängen von Weltmusik klingt frisch und luftig. Zwei Backgroundstimmen liefern ihr vokale Unterstützung und erweitern hübsch immer wieder die gesanglichen Klangbilder, die ihre Band leichtfüßig zu umspielen weiß.
 
Stefan Karl Schmid – Lars Duppler: Hringferð (Eigenlabel)
 
Zwei Musiker, zwei Stimmen, zwei Länder im Herzen. Die beiden Halb-Isländer Stefan Karl Schmid (Tenor- & Sopransaxofon, Klarinette) und Lars Duppler (Klavier) haben im Kölner Loft als Co-Produktion mit dem Deutschlandfunk dieses Album in nur drei Stunden komplett eingespielt. Bearbeitungen traditioneller isländischer Reimgedichte verschmelzen auf diesem intimen Werk mit eigenen Stücken. In bildgewaltigen Bögen ist Raum für ergreifende Melodien, aber auch freie Improvisationen. Das kongeniale Duo bietet hier beseelte Dialoge auf höchstem Niveau, denen man nur zu gerne lauscht.
 
Bugge Wesseltoft: Be Am (Jazzland)
 
Ganz minimalistisch ist Bugge Wesseltoft auf Be Am unterwegs. Minimalistisch wie wohl noch nie zuvor. Der norwegische Tastenmann und Klangtüftler hat sich hier ganz auf die Essenz der Songs konzentriert, alles zugelassen, nichts ausgeschlossen. Etwa den Einsatz von Effekten, Fender Rhodes, einer Kalimba oder sogar Vogelzwitschern, auch wenn das Spiel auf dem akustischen Konzertflügel im Vordergrund steht. Für zwei Stücke hat Wesseltoft seinen Landsmann Håkon Kornstad mit seinem Saxofon in sein Studio geholt. Ansonsten spielt Wesseltoft solo geschickt zwischen den Genres. Gefühlvoll, berührend, verträumt, einfach zeitlos schön.  
 
Anders Koppel: Mulberry Street Symphony (Unit Records)
 
Bilder in Töne verpacken, das macht die Mulberry Street Symphony des dänischen Komponisten Anders Koppel. Der hat Fotos seines berühmten Landsmannes, dem Fotografen und Sozialreformer Jacob Riis, als Vorlagen für ein symphonisches Werk für Orchester und Jazztrio genommen. Riis fotografierte die schlechten Lebensbedingungen von Auswanderern in die USA Ende des 19. Jahrhunderts. Das Odense Symphony Orchestra unter der Leitung von Martin Yates und ein Jazztrio mit Koppel´s Sohn Benjamim Koppel auf dem sehr eindringlich gespielten Altsaxofon, Bassist Scott Colley und Drummer Brian Blade verwandelt die Fotografien in sieben Sätzen in ebenso dramatischen Tönen zu einer großartigen Hymne auf das Leben und die Träume der Auswanderer.  
 
Karl Ivar Refseth Trio: Devotion (Traumton)
 
Ein sehr atmosphärisches Werk ist das neue Album des Trios des schon viele Jahre in Berlin lebenden norwegischen Vibrafonisten Karl Ivar Refseth geworden. Zusammen mit dem Altsaxofonisten Christian Weidner und dem Kontrabassisten Matthias Pichler spielt Refseth poetische Stücke Musik, die viele Klang- und Rhythmusfarben beinhalten. Er selbst bringt dabei die Metallplatten seines Instruments auch mal mit Geigenbögen zum Schwingen. Und  ist ohnehin kein wilder Klöppler. Hier geht es um kammermusikalisches Zusammenspiel, improvisierte Miniaturen, um unaufgeregte schöne Musik.
 
Tomasz Dąbrowski & The Individual Beings:  
 
Tomasz Dąbrowski & The Individual Beings (April Records) Er spielt das alte Horn seines verstorbenen Mentors Tomasz Stanko. Und irgendwie musiziert er auch im Geiste des großen polnischen Trompeters. Aber Trompeter und Komponist Tomasz Dąbrowski ist ein eigenständiger, interessanter Künstler, der hier sechs weitere Musiker, seine The Individual Beings, um sich geschart hat um einen originellen, zeitgenössischen Jazz zu spielen, der allen Beteiligten viel Raum zur Entfaltung lässt. Das Resultat klingt dann manchmal schon sperrig, aber doch immer auch ziemlich spannend.
 
Curtis Stigers: This Life (Emarcy)
 
Nicht nur für seine absoluten Fans ist das neue Album von Curtis Stigers sicher einen Kauf wert, denn hier hat der bekannte US-Sänger seine großen Hits noch einmal neu beleuchtet. Etwa seine Erfolgsnummer „You´re All That Matters To Me“, die hier als süffige Jazzballade um die Ecke kommt. Und auch seinem wohl größten Hit „I Wonder Why“ tut die Verwandlung zum akustischen Jazz sehr gut. Sowieso hat Curtis Stigers den Jazz längst für sich entdeckt. Und beweist auf dieser Platte auch beim Interpretieren von Jazzklassikern ein feines Händchen. Man höre sich nur mal seine Version von Gershwins „Summertime“ an, mit einem lässigen, von den Young Jazz Lions geborgten, reggaelastigen Arrangement.
 
Text: Christoph Giese


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Einspielbesprechung:
 
Kaleidoskop „Sunflower“ Februar 2022
 
Besetzung:
Christian Hammer – Guitar
Dimitrij Markitantov – Saxophone
Alex Morsey – Bass
Fethi Ak – Percussion
 
Was bedeutet Kaleidoskop? Eigentlich ein Allerlei an Farben, Stimmungen und bunten Wechseln.
 
So kann man auch den Grundtenor der Einspielung „Sunflower“ bezeichnen. Es ist schon eine tolle Leistung den Jazz mit so vielen zur Verfügung stehenden musikalischen Vielfältigkeiten zu bestücken und daraus eine musikalische Synthese zu bilden.
 
Die Musiker sind allesamt hervorragende Interpreten und absolute Könner an ihren Instrumenten, die ihre Vielfalt auch dadurch bestärken, dass sie alle in vielen anderen Formationen tätig sind.
 
„Sunflower“ beinhaltet die Sonne auf die wir in der heutigen Zeit schon lange warten und die Sonne ist in allen Kompositionen fühlbar anwesend.
 
Der Beginn ist „Avellino“, eine Stadt die im Süden Italiens liegt und ein kleines aber wunderschönes Provinz-Städtchen ist. Gleich zu Beginn des Stückes quillt und lebt es wie man sich das Leben im Süden vorstellen kann. Der durchdringende und virtuose Bass von Alex Morsey, mit großer Dynamik gespielt und Fethi Ak, der an seinen Percussions-Instrumenten kräftig treibt, legen den Teppich für Christian Hammer und seinen sehr gefühlvollen und sensiblen Solis. Dimitrij Markitantov am Saxophone ist unglaublich vielseitig in seiner Spielweise. Verglichen mit in einer Straße hineinspielend geht es mit Jazz-Läufen los, in der Mitte ein Übergang in Orientalische Klänge und Tonkaskaden, am Ende wieder der Ausklang mit Jazz-Läufen und das alles so fließend, einfach ein Genuss.
 
„Sunflower“, eine Blume die der Sonne im weitgehendsten Sinne sehr ähnelt und in vielen Ländern der Erde heimisch ist. Aus diesen vielen Ländern, speist sich die Komposition von Christian Hammer. Es ist schon eine besondere Fähigkeit diese verschiedenen Klangformen in einem Klangraum zusammen zu fassen. Alex Morsey, sein Bass beginnt als Akkordinstrument und legt sich mit seinem Solo singend über die Komposition. Das Zusammenspiel von Gitarre und Saxophon, höchst sensibel, wie aus einem Guss bewegen sich beide in den Melodiebögen und zaubern eine Mischung aus Oxident und Orient.
 
„Diese Einspielung der Band Kaleidoskop, ist vom Anfang bis zum letzten Stück eine Reise in die Vielfalt der musikalischen Schätze der kulturellen Welten“.
 
Ein Hörerlebnis ist es Kaleidoskop live zu erleben:
http://kaleidoskop.band/termine/
 
Text: Kurt Rade  Fotos: Kurt Rade


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FAST TRACKS
Volume 8
 
Weiter geht es mit CD-Neuveröffentlichungen aus Jazz und Weltmusik.
 
Markus Stockhausen / Vangelis Katsoulis / Arild Andersen:
Across Mountains (o-tone music)  
Die drei hier beteiligten Protagonisten sind sich schon 1996 bei einem Konzert in Athen begegnet. Dieses Album aber entstand nun, in einer Zeit, in der Reisen und Konzerte spielen nicht möglich war. Man schickte sich Tonspuren zwischen Deutschland, Athen und Oslo hin und her. Stücke entstanden. So ein Online-Aufnahmeprojekt birgt sicher Gefahren, aber eröffnet auch neue Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten. Der Trompeter, der Pianist und der Bassist haben auf Across Mountains unter der dezenten Hinzufügung von Loops und Elektronik jedenfalls ein wunderbar atmosphärisches und sinnliches Trio-Album eingespielt.   
 
 
Sebastian Voltz: Voyages (Tough Tone Records)
Er kommt von der Klassik und entdeckte während seines Studiums zum klassischen Konzertpianisten seine Liebe zur improvisierten Musik. Um dann mit einer Klezmerformation durch Israel zu touren oder mehr als 100 Konzerte mit dem Trio der Jazzgitarristin Susan Weinert zu spielen. Dann kam Corona, Susan Weinert starb und Sebastian Voltz setzte sich ans Klavier und komponierte eine Hommage für die verstorbene Kollegin – der Start für dieses Soloalbum. Weitere Stücke folgten und zeigen allesamt einen gefühlvollen Pianisten mit klassisch geschultem Anschlag und Blick auf den Jazz, der hier berührende Stücke Musik spielt.
 
 
Markus Burger: The Vienna Sessions (Challenge Records)
Noch einmal Solopiano, noch einmal zeitlos schöner Klavierjazz fürs Herz. Der deutsche, in Los Angeles lebende Pianist und ehemalige Folkwang-Student Markus Burger verbrachte im August 2019 zwei Tage in Wien und hatte das Privileg im dortigen Bösendorfer Piano Showroom The Vienna Sessions aufzunehmen. Sechzehn selbst komponierte Stücke und Miniaturen sind es schließlich geworden, die es auf diesen Tonträger geschafft haben. Einige davon hat Burger leicht elektronisch angereichert, was der ohnehin atmosphärischen Stimmung dieser Produktion noch einen zusätzlichen, durchaus interessanten Anstrich gibt.    
 
 
Mohammad Reza Mortazavi: Prisma (flowfish)
Ebenfall solo eingespielt ist Prima, das neue Album des lange schon in Deutschland lebenden, iranischen Meisterperkussionisten Mohammad Reza Mortazavi. Hier glaubt man mehr als nur einen Musiker zu hören. Faszinierend wie sich bei dem Iraner auf Rahmen- und Handtrommeln mehrere perkussive Ideen zu einem zirkulierenden Ganzen verbinden, angereichert durch das erstmalige Verwenden seiner Stimme auf einem eigenen Album. Hier wird Schlagwerkkunst zu einer allumfassenden, höchst virtuosen Klangsprache.  
 
 
triosence: Giulia (Sony Masterworks)
Einmal mehr spielt das Trio um den Pianisten Bernhard Schüler zeitlose schöne Jazzmusik mit viel Gefühl und singbaren Melodien. In Italien aufgenommen verströmt Giulia eine herrliche mediterrane Leichtigkeit, sendet positive Vibes und vertreibt so mit seinen Klängen garantiert jeden Winterblues. Dass bei drei Stücken auch noch der namhafte italienische Trompeter Paolo Fresu mitwirkt, was das Trio als eine Art Ritterschlag empfindet, rundet dieses Werk ab.
 
 
Nina Simone: Feeling Good (Verve Records)
Diese Doppel-CD der 2003 schon verstorbenen Jazz- & Bluesdiva ist ein echtes Muss, auch für Fans der US-Amerikanerin aus North Carolina, die schon einiges von ihr im Plattenschrank stehen haben. Denn der Untertitel der neu erschienenen  Rückschau heiß schließlich Her Greatest Hits & Remixes. Und so gibt es neben so wahnsinnig starken Songs aus dem Repertoire von Nina Simone wie natürlich „Strange Fruit“, „I Put A Spell On You“ oder „Don´t Explain“ ab der Hälfte von Silberling Nummer zwei einen Schwung hipper Remixe ihrer Nummern von einigen Top DJs und Produzenten zu entdecken. Die zeitlebens politisch so engagierte Künstlerin, modern aufbereitet für den Dancefloor? Warum nicht!
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS
Volume 7
 
Schnelldurchlauf Vol. 7  - auch im Januar gibt es schon wieder Spannendes zu hören.
 
Jim McNeely / Frankfurt Radio Big Band featuring Chris Potter:
 
Rituals (Double Moon)  
Iinspiriert von der Ton- und Klangsprache von Igor Strawinskys Meisterwerk „Le Sacre du Printemps“ hat der amerikanische Arrangeur und Orchesterleiter Jim McNeely die sechsteilige Suite Rituals geschrieben, ein völlig neues, eigenständiges, mächtiges und anspruchsvolles Werk, das die hr Big Band, die hier als Frankfurt Radio Big Band firmiert, mit ihrem Gastsolisten, dem US-Saxofonisten Chris Potter, hier genial umsetzt. Man hört Musik mit viel Entdeckungspotenzial, ergänzt am Ende zudem durch vier von McNeely neu arrangierte Stücke aus dem Repertoire von Chris Potter.
 
Gábor Bolla Quartet: On the Move (Stunt)
Ein Ungar versammelt einen Landsmann (den Pianisten Robert Lakatos), einen Schweden (den Bassisten Daniel Franck) und den Top-Schlagzeuger Billy Drummond aus den USA um sich, um in Kopenhagen eine mal hart, mal elegant swingende, zwischendurch von wunderschönen Balladen durchsetzte CD einzuspielen. Saxofonist Gábor Bolla ist mit On the Move ein zeitloses, sehr hörenswertes Jazzalbum aus Eigenkompositionen und Jazzstandards gelungen, das an die goldenen 1960er Jahre erinnern lässt, als viele US-Jazzer den Weg in die dänische Hauptstadt fanden um dort aufzutreten und teilweise auch zu leben.
 
Andreas Hertel Trio: Blue Bop (Laika)
Swingen tut es auch beim Andreas Hertel Trio ordentlich. Boppen zudem. Und  wo etliche Stücke des Pianisten aus Wiesbaden ihre Wurzeln haben, nämlich im Blues, das hört man auch. Zusammen mit Bassist Johannes Schaedlich und Drummer Jens Biehl serviert Andreas Hertel auf seinem bereits zehnten Album Blue Bop ein komplett von ihm selbst komponiertes Modern Jazz-Programm, das frisch, quicklebendig und sehr animierend klingt. Und beim Hören einfach die ganze Zeit für gute Laune sorgt.
 
Youn Sun Nah: Waking World (Warner)
Erstmals hat die Jazzsängerin Youn Sun Nah ganz alleine alle Songs für ein Album geschrieben. Corona sorgt auch für solche Neuheiten im Leben der Südkoreanerin. Es sind introspektive, mitunter melancholische Lieder zwischen Pop, Folk, Singing/Songwriting und Jazz geworden. Mal spärlich, dann wieder üppiger instrumentiert. Lieder zwischen luftiger Leichtigkeit und schmerzhaften Einsichten. Kleinode, die einen in den Bann ziehen. Was auch an den ausgetüftelten Instrumentierungen, etwa mit elektrischen Banjos, spannenden Trompeten-Arrangements oder programmierten Beats liegt.
 
Gianluca Petrella & Pasquale Mirra: Correspondence (Tŭk Music)
Eigentlich hat dieses Projekt der beiden Italiener vor drei Jahren als ein weitgehend akustisches begonnen, also nur mit Posaune (Gianluca Petrella) und Vibrafon (Pasquale Mirra), dazu ein wenig Elektronik. Aber dieses Duo hat seinen Horizont längst erweitert und schließlich sind sechs Leute mehr im Studio bei den Aufnahmen zu Correspondence dabei gewesen. Man hört Rhodes, ein Balafon, Talking Drums, Congas, Midi Vibes und vieles mehr. Und die Bandbreite der Musik ist ebenfalls beachtlich. Afrobeat trifft auf Ethio- und spirituellen Jazz und elektronische Sounds. Ein echtes Kaleidoskop an Strömungen und Klängen. Spannende Musik zwischen Menschlichkeit und Technologie.  
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS
Volume 6
 
Schnelldurchlauf Vol. 6  - neues Jahr, neue Alben mit Musik aus Jazz und der Welt.
 
Dagobert Böhm ist Labelchef, aber auch Musiker. Nach einer lebensbedrohlichen Krankheit ist der sympathische Gitarrist  mit einem neuen Album zurück. Within a Dream (Ozella) heißt es und Böhm und seine drei Mitstreiter Carsten Mentzel, Karl Seglem, Knut Hem und Ómar Gudjónsson haben hier einfach luftig-leichte, wunderschöne, verträumte, gefühlsbetonte Musik zwischen Folk und Jazz eingespielt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.    
 
Aus Luanda stammt Lúcia de Carvalho. Heute lebt die Sängerin nach Stationen in Frankreich und Portugal in der Nähe von Strasbourg. Ihre Musik aber klingt mehr nach ihrem Heimatland Angola. Eigentlich ist es sogar eine musikalische Reise zwischen Brasilien und Afrika, die man auf Pwanga (Zamora) hört, einem rhythmisch lebendigen, positiven Album, das zwischendurch sogar rüberschielt zu R&B oder Rock.   
 
Die galizische Sängerin und Cellistin Rosa Cedrón bietet auf ihrem dritten Album unter eigenem Namen eine zauberhafte und seelenvolle Reise durch Popmusik mit Versatzstücken galizischer Folkore. Eine betörende Mischung. Ihre einnehmende Stimme hat schon den Briten Mike Oldfield verzaubert, der sie Ende der 1990er Jahre einlud an „Tubular Bells III“ mitzuwirken und auch mit ihm auf Tour zu gehen. Mit Nómade (Karonte) kann Rosa Cedrón einmal mehr ihr ganz eigenes Gesicht und ihre ganze Klasse zeigen.
 
Das junge dänische Trio Little North verzückt auf Familiar Places (April Records) wieder mit seinem eigenen nordischen Jazzsound, der aber deutlich hörbar auch in der amerikanischen Jazztradition verhaftet ist. Pianist Benjamin Nørholm Jacobsen, Bassist Martin Brunbjerg Rasmussen und Drummer Lasse Jacobsen schaffen aus allen ihren Einflüssen eine Klangsprache mit großen Melodien und schwelgerischen Momenten. Und setzen dabei immer auf ihr traumwandlerisches Zusammenspiel. Das bekommt hier stellenweise Ergänzung durch zwei hörenswerte Gäste, Gitarrist Viktor Spasov und Trompeter Kasper Tranberg.  
 
Solopiano gibt es von Florian Favre auf Idantitâ (Traumton) zu hören. Der Schweizer Tastendrücker hat sich in der Pandemie zurückgezogen, sich auf sich selbst und die eigene Geschichte und Identität konzentriert. So kam er neben selbstgeschriebenen Stücken auch zu welchen, die er früher in Chören gehört hatte. Etwa zu Kompositionen des Schweizer Pfarrers Joseph Bovet, die er hier wunderbar aufbereitet hat. Neben besinnlichen und sehr lyrischen Stücken Musik ist dabei auch Raum für kraftvollere Passagen, bei denen Favre auch mal mit dem präparierten Klavier arbeitet.  
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS
 
Volume 5
 
Schnelldurchlauf Vol.5  - kurz vor dem Fest noch frische Musik aus Jazz und der Welt, die auch an Weihnachten Spaß machen.
 
Auf dem feinen Sampler Polish Ladies - Jazz (Soliton) geben sich ein ganzer Schwung an polnischen Musikerinnen die Ehre. Komponistinnen, Texterinnen oder Sängerinnen servieren auf dem Doppelalbum einen bunten Musikcocktail, der nicht immer nur stur im Jazz verwurzelt ist. Die Damen, darunter etwa die Klasse-Sängerinnen Joanna Knitter oder Joanna Bejm, dürfen sich auf jedem der beiden Silberlinge mit einem Stück präsentieren. Frische, tolle Musik mit viel Entdeckungspotenzial.
 
Zu entdecken gibt es auch einiges bei zwei Platten aus Bella Italia, beide erschienen bei Paolo Fresu´s Label Tŭk Music. PopOFF! heißt die eine und Paolo Fresu lässt es sich nicht nehmen auf Trompete und Flügelhorn mitzuspielen. Als prägende Figur ist Sängern Cristina Zavalloni zu nennen. Zusammen mit weiteren Musikern, darunter ein Streichquartett, werden Lieder des berühmten Kinder-Songfestivals „Zecchino d´Oro“ in Bologna in den Jazz überführt. Verspielt, voller Leichtigkeit, einfach hinreißend!   
 
Die zweite Platte stammt von der sizilianischen Pianistin Sade Mangiaracina, die ihr neues, im Trio mit Bass und Schlagzeug aufgenommenes Album Madiba dem großen Nelson Mandela gewidmet. Alle acht von der Pianistin komponierten Stücke sollen Bezug nehmen auf das Leben Mandelas, was man der Musik letztendlich nur manchmal anhört. Dennoch, Mangiaracina zeigt sich hier als interessante Musikerin, der man sein Ohr auf jeden Fall widmen sollte.
 
Zwischen Pop und Singing/Songwriting hat sich Maria Solheim längst ihre Nische geschaffen. Die Norwegerin ist international seit vielen Jahren erfolgreich, hat sogar schon bei einer Taufe auf dem norwegischen Königsschloss gesungen. The Bird Has Flown (Kirkelig Kulturverksted) heißt ihre neue Platte. Mitgewirkt haben unter anderen zwei Landsleute, die sonst etwa bei Nils Petter Molvær in der Band spielen. Produziert hat Gitarrist Geir Sundstøl, und herausgekommen ist ein gefühlvolles Werk mit zeitlos schönen Songs.
 
Auch die junge Belgierin Meskerem Mees passt perfekt in das Gerne Singer/Songwriter. Eine klare, samtige Stimme hat sie, begleitet sich in ihren poetischen Songs selbst auf der Gitarre und spielt mal das eine oder andere Instrument, lässt sich ansonsten aber eigentlich nur noch von ihrer Freundin Febe gelegentlich auf dem Cello unterstützen. Die in Äthopien geborene und in Belgien bei Adoptiveltern aufgewachsene Künstlerin setzt mit ihrem Debütalbum Julius (May Way Records) die Latte schon mal sehr hoch mit ihrem Songwriting und ihrem Gesang.  
 
Daniel Kahn ist dagegen ein bekannter Name in der internationalen Klezmerszene. Sein neues Album ist das erste, das der in Hamburg lebende Amerikaner komplett allein eingespielt hat. Kein Problem für Kahn, ist der Sänger doch auch Multiinstrumentalist. Dennoch ist Word Beggar (Oriente Musik) ein behutsam instrumentiertes, intimes und gefühlvolles Werk zwischen Klezmer, Folk und Jazz geworden. Mit seelenvollen Adaptionen von Kompositionen von George Brassens, Kurt Tucholsky oder Kadya Molodowsky. Und Leonard Cohen´s „Hallelujah“ als „Haleluye“ auf Jiddisch zu hören ist ein starker Moment am Ende eines berphrenden Albums.
 
Text: Christoph Giese


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Christmas Songs
 
Bei Till Brönner gehen die Meinungen ja gerne mal auseinander. Sein neues Weihnachtsalbum aber sollte eigentlich über jede Kritik erhaben sein. Christmas (Sony) hat der Trompeter es schlicht genannt. Und so reduziert wie der Albumtitel klingt das Werk auch, gibt es neben Brönner auf Trompete und Flügelhorn nämlich nur noch Frank Chastenier am Klavier und Christian von Kaphengst am Bass zu hören. Stimmt nicht ganz, den Song „Christmas Time Is Here“ veredelt Sänger Max Mutzke mit seiner großartigen Stimme. Ansonsten ist hier eine dichte, kammermusikalische Intensität zu spüren. Kein Schmalz, kein Ton zu viel, dafür seelenvolle Klänge. Musik, die das Herz wärmt. Lieder, die man kennt, aber nicht so. Lässt sich übrigens wunderbar schon einige Wochen vor Weihnachten hören.
 
Merry Christmas Baby (TIMEZONErecords) hat die charismatische Sängerin Jasmin Bayer ihr Weihnachtsalbum betitelt. Und bietet darauf eine ganze Palette an Weihnachtsgefühlen. Sehnsuchtsvolle Balladen etwa wie „I´ll Be Home For Christmas“ oder direkt zum Start bluesigen Swing mit „Rudolph The Red-Nosed Reindeer“. Die Münchnerin und ihr Quintett plus Gast Max Braun an Saxofon und Klarinette liefern hier viele hübsche, jazzige Lieder fürs fest, von Swing bis Blues, von Soul bis sogar Latin. Und die insgesamt siebzehn Songs mit einer Gesamtspieldauer von über 72 Minuten reichen locker um nebenbei ganz entspannt den Weihnachtsbaum zu schmücken.
 
Text: Christoph Giese


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Neuerscheinungen - FAST TRACKS Volume 4
 
Volume 4 der Fast Tracks mit frischen Klängen aus Jazz und der Welt.
 
Muss man Larry Coryell noch vorstellen? Der 2017 verstorbene Amerikaner war einer der stilbildenden Jazzgitarristen. Im Herbst 2002 unternahm Coryell mit seinem Trio mit Bassist Mark Egan und Drummer Paul Wertico grippegeplagt eine Europatournee und landeten dann schließlich im einem Tonstudio in der Nähe von Frankfurt um Tricycles (IN+OUT Records) einzuspielen. Körperlich schwach, aber musikalisch in Spitzenform präsentiert der Dreier hier zwölf swingende, teils rockige Jazzperlen mit herrlich herbem Sound, die meisten aus eigener Feder.
 
Noch einmal Paul Wertico: The Bari Session (Challenge Records) ist die erste offizielle Studioaufnahme des Paul Wertico ǀ John Helliwell Project. Zusammen mit Saxofonist und Ex-Supertramp John Helliwell, Gitarrist Raimondo Meli Lupi und Bassist Gianmarco Scaglia hat der jahrelange Schlagzeuger bei Pat Metheny ein modernes, zeitloses Jazzalbum zwischen feinem Jazzrock, atmosphärischen Momenten und Blues eingespielt.  
 
Er ist ein Tausendsassa, in Klassik wie auch in Jazz, Rock oder Klezmer unterwegs. Jetzt kommt der britische Geigen-Superstar Nigel Kennedy mit seinen Lieblingsaufnahmen um die Ecke, die er mit einer 3er CD-Box vorstellt. Natürlich sind die Vier Jahreszeiten von Vivaldi dabei. Und Bach. Aber auch Brahms, Beethoven oder Musik vom polnischen Komponisten Mieczysław Karłowicz. Auf CD Nummer 3 des üppigen Werkes Uncensored (Warner Classics) gibt es dann auch jazzige Improvisationen, rockig verzerrte Klänge von der E-Geige des „enfant terrible“ der Klassikszene zu hören. Und zum Ausklang eine zauberhafte Version von Nick Drake´s „Riverman“, mit einem herrlich rau klingenden Boy George am Mikrofon.
 
Trompeter Lorenz Raab, Tubaspieler Ali Angerer und Schlagwerker Rainer Deixler sind Bleu und bedienen auf Deeper (Traumton Records) noch ein paar Instrumente mehr, wie ein Harmonium oder einen elektrischen Dulcimer (Bordunzither). Ihr gemeinsamer Kammerjazz ist zart, bisweilen melancholisch, immer aber mit vielen Momenten versehen zum Entdecken. Die Musik blickt auch rüber zu Klassik und Ethno und begeistert durch einen kreativen Blickwinkel, viel Spielwitz und Raum für Improvisation.  
 
Das Sebastian Böhlen Trio serviert mit Fallalarenko (Laika Records) ein feines, modernes Gitarrenjazz-Album, das zwar nirgendwo besonders auffällt, aber in den acht Stücken in verschiedensten Stimmungen von balladesk bis rockig prima und niveauvoll unterhält.  
 
Zwei Mal solo zum Schluss des heutigen Schnelldurchlaufs: Pianist Markus Becker hat sein erstes Soloalbum passenderweise Alleingang (Berthold Records) genannt. Aufgenommen im Sendesaal Bremen verquicken hier die Freiheit des Jazz mit klassischem Klaviersatz. Becker ist ein Ästhet an den schwarz-weißen Tasten, ein virtuoser, aber auch gefühlsbetonter Gestalter. Seine Lieder erzählen Geschichten, sind mal romantisch verträumt, dann wieder zupackend. All das verpackt der Pianist in eine eigene, völlig zeitlose Klangsprache. Ex-Dire Straits-Keyboarder Alan Clark spielt auf Backstory (Ponderosa Music Records) Stücke, die ihn in den letzten 40 Jahren geprägt haben. Da sind dann natürlich auch Titel von Mark Knopfler und den Dire Straits dabei, aber auch welche von Bob Dylan oder aus dem Repertoire von Tina Turner. Begrenzt auf Soloklavier bekommen die bekannten Melodien hier natürlich ganz andere Facetten gezeichnet. „Brothers In Arms“ etwa geht hier derart reduziert direkt unter die Haut.
 
Text: Christoph Giese


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Neuerscheinungen - FAST TRACKS Volume 3

Volume 3 vom SCHNELLDURCHLAUF mit frischen Klängen aus Jazz und Weltmusik.
 
Luftig-leicht geht es zum Auftakt los mit Où est l´amour (Buzz Records) des Duos Haesen & Breidenbach. Charlotte Haesen, die in Amsterdam geborene Sängerin mit burundisch-französischen Wurzeln, und der Aachener Gitarrist Philip Breidenbach, der hier auch noch für die komplette Instrumentierung der Songs mit Perkussion und Chören zuständig ist, betreiben ihre Suche nach der Liebe in einem Spannungsfeld aus Jazz, Chanson und Indie-Folk in vier Sprachen und schaffen kleine, hübsch individuell klingende Songperlen, in die man nur allzu gerne eintaucht.
 
Das Jussi Fredriksson Trio ist hierzulande leider nicht so bekannt, aber Pianist Jussi Fredriksson und seine beiden Landsleute an Bass und Schlagzeug spielen wunderbare, eigen klingende Jazzmusik. Inspirieren lassen zu den Archipelago Sea Tales (Flame Jazz) hat sich der Finne von einem neuen Jazzfestival auf kleinen Schären vor seiner Heimatstadt Turku. Wer diese Gegend kennt, kann die Assoziationen der Musik zu der Natur durchaus nachvollziehen. Alle anderen genießen einfach nur das großartige Zusammenspiel der drei Finnen, ihre Klangfarben und Ideenreichtum.
 
Mehr frische Klänge aus Finnland gibt es mit der Espoo Big Band und ihrem neuen Album Blood Red (Galileo MC). Angeregt durch ein Buch des türkischen Literatur-Nobelpreisträgers Orhan Pamuk hat der Schlagzeuger und Komponist Mikko Hassinen eine fiktive Story komponiert, die im Istanbul des 16. Jahrhunderts verortet ist. Herausgekommen ist ein atmosphärisches, vielschichtiges Werk mit dramatischen und aufwühlenden Momenten und spannend eingesetzten Bezügen zu arabischer und persischer Musik. Als Solist brilliert der fantastische Trompeter Verneri Pohjola.
 
Noch einmal „Big Sounds“: Die Space Big Band des dänischen Bassisten Kenneth Dahl Knudsen und des lettischen Saxofonisten Toms Rudzinskis präsentiert sich auf dem selbstbetitelten Album Space Big Band (Double Moon) als starkes elektro-akustisches, zeitgenössisches Jazzorchester, in dem neben elektrisierenden kollektiven Momenten immer auch Räume entstehen für Ruhe, aber auch für Individualität und Improvisation.     
 
Bei einigen bekannten Herrschaften der internationalen Jazzszene sorgt Jonathan Blake für die richtigen Beats. Homeward Bound (Blue Note) ist nun sein Debütalbum unter eigenem Namen bei dem legendären US-Jazzlabel Blue Note. Begleitet von Saxofon, Vibrafon, Tasteninstrumenten und Bass zelebriert der Schlagzeuger aus Philadelphia hier einen absolut zeitgemäßen Modern Jazz, der seine Wurzeln in der Jazztradition aber nicht verleugnet. Es swingt fein und postboppig, und einmal biegt die ganze Bande auch mal kurz ab Richtung Afrika. Erfrischend, auch was Herr Blake und Band hier als Rausschmeißer mit Joe Jackson´s „Steppin´ Out“ machen.
 
Und was Sängerin und Musikerin Melanie Charles hier auf ihrem Album Y´all Don´t (Really) Care About Black Women (Verve) aufgenommen hat, das sollte die in Brooklyn lebende Künstlerin mit haitianischen Wurzeln jetzt mal so richtig bekannt machen. Denn wie sie sich Lieder aus dem Repertoire großer schwarzer Jazzsängerinnen wie Billie Holiday, Abbey Lincoln, Ella Fitzgerald, Dinah Washington oder Sarah Vaughan schnappt und neu interpretiert, elektronisch bearbeitet und remixt und teilweise in imaginären Duetten mit den verstorbenen Jazzdiven singt, das klingt ziemlich hip. Einziger Minuspunkt dieser ansonsten absolut gelungenen Produktion: nach gut einer halben Stunde klingt dieses innovative Werk schon aus.
 
Text: Christoph Giese


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FAST TRACKS
Volume 1
 
Ab sofort geben die FAST TRACKS den Lesern von „Virgin Jazz Face“ einen kleinen Überblick über neue CD-Veröffentlichungen im Bereich Jazz und Weltmusik. Kurz und knackig gehalten soll diese Kolumne in erster Linie neugierig und Appetit machen auf frische Klänge.
 
Los geht es mit dem zweiten Album vom Daniel García Trio beim ACT-Label. Auf Via de la Plata zeigt der spanische Pianist mit seinen beiden kubanischen Mitstreitern an Bass und Schlagzeug sowie Gästen wie dem französisch-libanesischen Trompeter Ibrahim Maalouf, wie genial er Musik seiner Heimat mit Jazz zu verbinden weiß. Demnächst live in der Region zu erleben! Termine: 18. November: KROHNE-Saal, Duisburg; 19. November: domicil, Dortmund.
 
Das Frankfurter Quartett electrolyte besticht in der Besetzung Keyboards/Synthesizer-Bass, Saxofon, Gitarre und Schlagzeug auf seinem Debütalbum Virtual Game mit seiner Mischung aus funkigen Grooves und Elektrobeats, die für bisweilen tanzbare Musik sorgen.
 
The Beat nennt Schlagzeuger Jens Düppe sein neues, im Quartett (unter anderem mit Trompeter Frederik Köster) aufgenommenes Album, das raffinierte Beats zu Rhythmen und letztendlich spannende, auch mal vertrackte Songs anwachsen lässt.  
 
Auch Schlagzeuger Jonas Sorgenfrei setzt auf seinem Debütalbum Elephants Marching On auf eine Quartettbesetzung. Mit dabei auf einer frisch klingenden Reise durch die gehaltvollen, modernen Kompositionen des Bandleaders sind Pianist Rainer Böhm, Saxofonist Wanja Slavin und Bassist Matthias Akeo Nowak, wobei vor allem die beiden Erstgenannten ihre Freiheiten für spannende solistische Akzente nutzen.
 
Kraftvoll singt sie mit warmer Stimme, die Finnin Elena Mȋndru, und entpuppt sich auf Hope auch als gekonnte Vokalimprovisatorin. Mit ihrer um den polnischen Geiger Adam Baldych erweiterten Band interpretiert die gebürtige Rumänin nonchalant schöne, melodische Jazzsongs mit Ethnoeinschlag.
 
Live at the Berlin Jazz Festival 1966 besteht aus Masterbändern eines Doppelkonzertes vom Stan Getz Quartet & Astrud Gilberto mit bislang unveröffentlichten Versionen, klanglich sehr gut neu aufbereitet. CD Nummer eins zeigen den US-Saxofonisten und sein Quartett mit Vibrafonist Gary Burton und Drummer Roy Haynes in Höchstform. Auf CD Nummer zwei veredelt die damals noch junge Brasilianerin Astrud Gilberto Brasil-Klassiker wie „Corcovado“ oder das berühmte „Girl from Ipanema“ und berühmte Jazzstandards mit ihrem sanften Gesang.   
 
Die Markus Stockhausen Group bietet dem geneigten Hörer sogar gleich drei CDs mit ihrem neuen Werk. Tales bietet einen Silberling mit komponierter Musik und zwei weitere mit improvisierten Stücken. Aber eigentlich nehmen alle der insgesamt 25 von Markus Stockhausen (Trompete, Flügelhorn), Jörg Brinkmann (Cello), Jeroen van Vliet (Piano, Synthesizer) und Christian Thomé (Schlagzeug) gespielten Stücke den Zuhörer mit auf klanglich weit gefasste, ästhetisch schöne musikalische Reisen voller Entdeckungsmöglichkeiten zwischen kammermusikalischen Augenblicken und schwerelosen esoterischen Momenten.
 
Zum Abschluss noch ein Tipp für echte Energiemusik: Die rumänische Blechblaskapelle Fanfare Ciorcărlia feiert gerade ihr 25-Jähriges Bandjubiläum. Seit einem Vierteljahrhundert sorgen die zwölf Herren aus dem kleinen Roma-Dorf Zece Prăjini im Nordosten Rumäniens, unweit der Grenze zu Moldawien, für tanzende Beine und gute Laune mit ihrem Balkan-Brass-Sound. Das ist auf ihrer neuen CD nicht anders. Wer sich nach Sonne und Fröhlichkeit sehnt im bevorstehenden Herbst und Winter, wer schnelle Rhythmen, Balkanfolklore und tänzelnde Melodien mag, liegt mit It Wasn´t Hard To Love You“ genau richtig.  
 
Text: Christoph Giese


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Frida  „Freedom of Flight“ von Kurt Rade
 
Mascha Corman - Gesang
Sara Decker – Gesang
Julia Ehninger – Gesang
Conrad Noll – Kontrabass
Jeroen Truyen – Schlagzeug
 
„Baby one more time“ könnte man sagen, meine aber, das ich mir die Einspielung gleich mehrmals hintereinander angehört habe. Erst dann erkennt, oder erhört man die Vielfalt und den Klang-Reichtum der Arrangements. Es muss eine enorme Arbeit und viel Herzensblut in dieser Einspielung stecken.
 
„Baby one more time“ berühmt geworden durch Britney Spears haut gleich richtig rein und zeigt auf Anhieb was noch zu erwarten ist. Kraftvoll und mit Druck umgesetzt, drei Stimmen die wie füreinander geschaffen zusammen einen wunderbaren Stimmensound ergeben. Conrad Noll am Bass lässt diesen Singen und gibt durch seine Spieltechnik dem Ton einen Raum. Jeroen Truyen an den Drums setzt seine Rhythmen gefühlvoll ein, nimmt sich zurück wo es sensibel wird und geht nach Vorne wenn Dynamik angebracht ist. Mascha Corman, Sara Decker und Julia Ehninger, drei außergewöhnliche Stimmen mit einer unglaublichen Klarheit und Klangvielfalt zeigen das sie nicht nur Singen sondern auch was Erschaffen wollen.
 
Alle drei Sängerinnen könnten die Arrangements großartig alleine durchziehen, aber durch Noll und Truyen gewinnt es hier eine seltene Lebendigkeit. Durch dieses Gesamtbild und der Interpretation, ist das Verstehen des Ganzen ein fließender Übergang. Trotzdem geben sich Sängerinnen wie Musiker Freiraum zu Improvisation und Ausdruck.
 
Alle Texte haben seelischen Tiefgang und ihre Lyrik verlangte nach Auseinandersetzung mit diesen um Arrangements umsetzten zu können.
 
„Kein Kinderlied“ und „Der schwere Traum“ sind zeitgemäße aber auch zeitlose Texte die vom nicht enden wollenden Schwierigkeiten mit sich selbst und den Menschen untereinander aufzeigt. Eine bedrückende Lyrik die wie zufällig in unsere heutige Zeit passt. Flucht, nie endende Kriege, Hunger, Leid, Schmerz und die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit sind ein Ruf dieser Einspielung.
 
Nach dem Anhören der Einspielung kann man nicht nur aufstehen und gehen, Nachdenklichkeit setzt ein, aber auch das Gefühl eine tolles Hörerlebnis gehabt zu haben.
 
Vielen Dank an Mascha Corman, Sara Decker, Julia Ehninger, Conrad Noll und Jeroen Truyen.
 
Text: Kurt Rade


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„Voyage West“  Neue Einspielung von Stefan Bauer
 
Tammy Scheffer – Voice
Stefan Bauer – Marimbaphon & Vibraphone
Chris Bacas – Sopran & Tenorsaxophone
Jim Vivian – Bass
Greg Ritchie – Drums

Stefan Bauer lebt schon lange in New York, aber auch Canada war viele Jahre seine Heimat. Natürlich hat ihn der dortige Jazz geprägt, denn die Uhren ticken ein wenig anders als in Europa. Seine Wurzeln hört man aber aus jeder seiner Kompositionen heraus und diese Mischung macht das Besondere an seinen Kompositionen aus.
 
Mit Chris Bacas hat er einen Partner an seiner Seite die schon eine „Langjährige Musikalische Verbindung“ prägt.
 
Tammy Scheffer kommt aus Israel und ihre Stimme ist so klar wie ein Bach in den Bergen der Alpen.
 
Seine neue Einspielung ist inspiriert von den Eindrücken und Erlebnissen aus Canada, Amerika, Europa und vor allen Dingen aus den phantastisch schönen Land Island.
 
Stefan ist auch ein Kind des Ruhrpotts und seine Kindheit war geprägt durch die Steinkohle und das Leben mit Pütt und Zeche. Kohleberwerke gab es natürlich auch in Canada und eine Komposition „ In the Town of Springhill, Nova Scotia“ handelt von einem Bergbauunglück bei dem mehrere Bergleute ums Leben kamen. Interpretiert wird das Stück eindringlich von Tammy Scheffer und Stefan Bauer im Dialog. Es sind keine Melodiebögen sondern Melodiesprünge. Die klare Stimme von Tammy Scheffer und die tiefen und dumpfen Töne des Marimbaphon spiegeln dieses dramatische Erlebnis gefühlsvoll wieder.
 
Wunderbar die Komposition „Entre Nous“. Hier brilliert Jim Vivian mit einem toll singendem Bass-Solo im Übergang zu den klaren Tönen des Vibraphons und dem sensiblen Saxophon von Chris Bacas, dessen Töne träumen lassen.
 
„First Snow“ ein Dialog mit Stimme und Marimbaphon. Gerade läuft im Fernsehen ein Film über die Natur Canadas und die Musik passt dort hinein wie dafür komponiert. Wann gibt es mal so ein Duo, Marimba und Stimme mit stark meditativen Charakter und Melodiebögen.
 
Dann eine Überraschung, wer kennt nicht das Stück „Caravan“ von Juan Tizol & Duke Ellington. Hier geht die Post ab. Der treibende Drive von Greg Ritchie & Jim Vivian lässt niemanden auf dem Stuhl ruhig sitzen. Natürlich lassen sich Chris Bacas und Tammy Scheffer diese Gelegenheit nicht entgehen und setzen durch feurige Solos noch einen drauf.
 
“Some other time” ist wieder ein Duo zwischen Stimme und Vibraphon. Wie dafür geschaffen diese Stimmen. Es klingt auch leider wie ein Abschied von dieser tollen Einspielung, aber gibt auch die Hoffnung für ein anderes Mal. Es weckt melancholische Gefühle, Traurigkeit und Glück in sich. Hoffentlich werden wir in absehbarer Zeit mehr davon hören können.
 
Das Stefan Bauer Quintet „Voyage West“ kommt nach Deutschland zu einer kleinen Tournee und wer sich das nicht entgehen lassen möchte, hier die Daten:
 
06.03.2019 Bergkamen „Galerie Sole 1“ 19:30 Uhr
07.03.2019 Herne „Flottmann Hallen“    20:00 Uhr
08.03.2019 Düsseldorf „Jazzschmiede“   20:00 Uhr
09.03.2019 Sendenhorst „Haus Siekmann“ 20:00 Uhr
10.03.2019 Köln „Freiraum Galerie“         19:00 Uhr
11.03.2019 Recklinghausen „Ruhrfestspielhaus“ 20:00 Uhr
   
Text: Kurt Rade

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Sven Decker´s „JULI Quartett“  -  Lost in Poll  -

Sven Decker – Tenor Sax., Bass Clarinet, Clarinet
Heidi Bayer – Trumpet, Flügelhorn
Conrad Noll – Double Bass
Jo Beyer – Drums

So ist das, der Sommer 2017 war ja nicht so wie der von 2018. Da es keine großen Hitzeperioden gab und Aufräumarbeiten in einem Proberaum für verschiedene Musikerinnen und Musiker anstanden dachte man sich, machen wir doch mal eine Session.
 
Manchmal will das Schicksal es so (oder es soll so sein), das Menschen aufeinander treffen, Musik machen und auf einmal merken das ihr Zusammenspiel zu was Besonderem fähig ist.
 
Das Ergebnis ist die Einspielung „Lost in Poll“ die vor Lebendigkeit und Spielfreude nur so strotzt. Die Schuhgröße die Sven Decker vorher hatte wurde zu klein, denn hier sind einige Schuhgrößen dazu gekommen. Die Weiterentwicklung in den Kompositionen und auch in der Spielweise ist unüberhörbar.
 
In der Komposition „BIN“ die fast wie ein Trauermarsch beginnt ein Duett zwischen Trompete und Bass-Clarinette. Ein satter Trompetenton von Heidi Bayer mit den Melodieläufen einer Erzählung gleich und wunderbaren Phrasierungen beginnen dieses Stück. Darauf folgend ein tief sensibler Einstieg von Sven Decker der seinen Atem kaum hörbar ins Sax hauchte, es entwickelte sich aber dann eine Spirale der Emotionen die einem Höhenflug der Seele gleich kam. Die Töne wurden in den Raum geschmettert und zeugten von tiefer Verletzbarkeit aber auch von Hochgefühl. Es war einfach wunderbar anzuhören.
 
Conrad Noll am Bass spielt mit einem wuchtigen Ton und hoher Präzision. Er treibt alle vor sich her und macht Druck. „Fulton-Shoes“ beginnt mit einem Bass-Solo in dem die Seiten geschlagen werden und aufs Brett knallen. Tiefen, Höhen, Flachelet-Töne, ein Karussell in sich.
 
Mit Jo Beyer hat sich Sven Decker einen Drummer geholt der sehr modern und Kammermusikalisch auf hohem Niveau spielt. Er lässt keine Sekunde aus um jedem Stück rhythmisches Leben einzuhauchen.
 
„Lost in Poll“ ist was Besonderes, den Sven Decker macht es sich nie einfach. Immer zeugen seine Einspielungen von hoher Sensibilität, Melancholie, Wut, Schönheit, Ausbruch und einer wirklich eigenen „Art“ (Kunst) zu komponieren. Eine Einspielung nur zu empfehlen ist und Live ein Genuss sein muss.
   
Text: Kurt Rade

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Die Einspiel Besprechung:
 
Christina Schamei Quintett „Waves And White Horses“
 
Christina Schamei – Vocal
Benedikt Koch – Saxophone
Simon Seeberger – Piano
Caris Hermes – Bass
Niklas Walter – Drums
 
Christina Schamei, eine Jazzsängerin lebend in Köln, veröffentlicht ihre erste Einspielung. „Waves And White Horses“, das gleichnamige erste Stück auf der CD überrascht schon bei den ersten Tönen.
 
Die Komposition, strukturiert durch Moderne Klangfolgen, einer wunderbaren und klaren Melodie deren Wärme sich gleich einprägt und ausbreitet.
 
Christinas Stimme klingt ausgereift und klar, sie gibt allen Kompositionen eine unvergleichliche Wärme, klingt niemals aufdringlich oder aufgesetzt und hält die Spannung der Kompositionen immer auf den Höhepunkt.
 
Die Musiker die sie sich für ihr Quintett sorgfältig aussuchte, passen wie geschaffen zu ihren Kompositionen und spielen auf höchstem Niveau. Alle Musiker sind noch sehr jung, zeugen aber von einer großen Reife, Präzision und Können in ihrem Spiel.
 
Benedikt Koch und Christina Schamei bilden eine Synthese deren Klangfolgen sich immer wieder ergänzen und abwechseln. Beide würden auch ein erfolgreiches Duo präsentieren.
 
Simon Seeberger bildet mit seinem Spiel einen Klangteppich auf dem Benedikt und Schamei sicher wandeln können. Seeberger kann gleichzeitig mehr als sensibel, aber auch kräftig und dynamisch die Stücke zum kochen bringen.
 
Bleibt zuletzt das Rhythmus-Duo Caris Hermes und Niklas Walter. Beide sind für jede Gruppe eine sichere Bank. Sie sind schon seit einigen Jahren eingespielt und verstehen sich blind, ihr Einfühlungsvermögen in die Kompositionen fasziniert.
 
Die Komponisten Christina Schamei und Benedikt Koch liefern hier Stücke die eine persönliche Handschrift aufweisen, allein die Texte im Zusammenhang mit den Kompositionen haben einen hohen Anspruch. Riverman von Nick Drake und von Benedikt Koch arrangiert, einfach nur gut. Mit viel Sorgfalt und Mühe wurden die Kompositionen zu einem Großen-Ganzen zusammengefügt und man merkt das der Anspruch etwas sehr Gutes zu produzieren gelungen ist.
 
Wer einem Menschen ein schönes musikalisches Geschenk machen möchte, dem kann man diese Einspielung nur empfehlen.
 
 
Text: Kurt Rade

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Musik für eine ganz private Erinnerungsreise von:
 
Michael Kalthoff-Mahnke
 
Nicht ganz neu, aber zeitlos zauberhaft: Remembrance von Ketil Björnstad (Piano), Ture Brunborg (Tenorsaxofon) und Jon Christensen (Drums). Erschienen 2010 bei ECM.
 
Am Ende einer sommerlich heißen Woche bringt der ersehnte Regen am Samstagabend doch noch etwas Kühlung und Erfrischung. Es ist früher Sonntagmorgen, ich stehe in der Küche, fülle Wasser in den Wasserkocher und Tee in den Teebeutel. Während das Wasser im Kocher leise zu singen beginnt, schaue ich hinaus in den Garten. Ein leichter Neben hängt in den Bäumen. Der Regen hat die prächtigen Rosenblüten schwergemacht, sie lassen ein wenig die Köpfe hängen. Ich öffne die Terrassentür, ein angenehm kühler Wind strömt hinein, der Wohlgeruch nach frischer, feuchter Erde steigt mir in die Nase. Jetzt Musik. Ich gehe die CDs neben dem kleinen Kombispieler in der Küche durch. Nichts dabei, was meiner momentanen Stimmung entsprechen würde. Ich lasse mich bei der Musikauswahl gerne von Gefühlen, Eindrücken und Gemütslagen beeinflussen. Darin liegt (für mich) ihr eigentlicher Sinn. Ein Gang zum CD-Regal und irgendwie gibt es nur noch eine Möglichkeit, die in die Gesamtkomposition dieses frühen Sonntagmorgens passt: Remembrance von Ketil Björnstad (Piano), Ture Brunborg (Tenorsaxofon) und Jon Christensen (Drums). Schon bei den ersten Takten von Björnstadts Klavierspiel, der sanften, melodiösen Lyrik von Rundborgs Saxofon und Christensens zurückhaltenden Schlagwerk und Beckenspiel weiß ich, dass ich die richtige Wahl getroffen habe für diesen Start in den Tag.
 
Bereits 2010 haben die drei Nordlichter das Album eingespielt. Es umfasst elf Stücke, die unprätentiös „Remembrance I bis XI“ benannt sind. Es ist in der Tat eine Art Konzeptalbum, das den Zuhörer, der sich darauf einlässt, auf eine ganz persönliche Erinnerungsreise mitnimmt. Musik, die zeitlos, manchmal schwerlos ist. Wie Remembrance III: Eine sanfte Melodie von trägt durch einen lauen Sommerabend, Erinnerungen an einen glücklichen Tag werden wach, ein Spaziergang auf einer blumenübersäten Sommerwiese. Ähnlich, aber etwas verträumter das anschließende Remembrance IV, mit einem lyrischen Saxofon, das sich immer wieder auch zu eigenen Improvisationen aufmacht. In Remembrance V zeigt Björnstad, wo seine Wurzeln liegen: in der klassischen Musik. Mit choralähnlichem Spiel legt er einen zauberhaften Klangteppich für ein Solo-Saxofon, das unter die Haut geht. Das Album strahlt Ruhe aus, ist trotz mancher Moll-Passagen aber niemals düster. Manchmal verströmt es eine gewisse Wehmut, wie beim grandiosen Remembrance X, die aber nicht in Trauer umschlägt, sondern in Optimismus, dass das was kommt, gut wird. Aus Erinnerung wird Zukunft.
 
Text: Michael Kalthoff-Mahnke

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„Jeg roper til deg“ (Ich rufe dich)  Ein Bericht von Kerstin Siemonsen
 
Unbeschreiblich schön – das Duo Torhild Ostad und Carsten Dahl
 
Ganze 21 Jahre ließ die norwegische Vokalistin Torhild Ostad verstreichen, bis sie ihr zweites Album veröffentlichte. Und es bedurfte des genialen dänischen Pianisten Carsten Dahl, um Ostad aus dem Dornröschenschlaf zu holen. Was dabei herausgekommen ist so unglaublich schön, so beeindruckend und tiefgehend, dass ich tief gerührt bin.
 
Da spielen zwei geniale Musiker, die sich auf wunderbarste Weise ergänzen: Auf der einen Seite Carsten Dahl, der mich immer wieder mit seinem intensiven Spiel beeindruckt und das nicht nur wegen seiner Spielweise, sondern auch wegen der Art wie er spielt. Er versinkt quasi auch physisch in seiner Musik. So sitzt er mit geschlossen Augen, tief versunken vor dem Klavier so als würde er in seine eigene Musik eintauchen. Ich bin immer wieder fasziniert und nutze jede Gelegenheit ihn live zu hören. Und auf der anderen Seite Torhild Ostad eine Vokalistin, die mit glasklarer Stimme, die so wunderbar einen Kirchenraum füllt, das Herz berührt. 1996 veröffentlichte sie unter dem Titel «Blomar i moll» (Blumen in Moll) ihre erste und bisher einzige CD als Soloartistin mit traditioneller norwegischer Musik. Die CD wurde hoch gelobt, doch führte Ostads Lebensweg sie weg von der Musik.
 
Die CD „Jeg roper til deg“ umfasst sowohl Kirchenchorale als auch eigene Stücke von beiden Musikern. Sie drehen sich um das Thema Beziehung zwischen Frauen und Männern. Dass diese nicht immer glücklich verlaufen, wird in der Tonart aber auch in den Texten deutlich. Mein Favorit ist „Alt forandrer seg“ (Alles verändert sich) einem Stück von Ostad. Der Text weckt in mir Erinnerungen an einen guten Freund, den ich glaube verloren habe und berührt mich daher tief. Schade, dass es für die Texte keine englische Übersetzung gibt. So haben nur die, die norwegisch verstehen eine Chance die Tiefsinnigkeit und Schönheit zu erfassen. Aber auch ohne Textverständnis ist die CD absolut hörens- und empfehlenswert. Deshalb freue ich mich auch, das Duo beim Jazzfestival in Molde (Norwegen) im Juli 2017 live hören zu dürfen. Dort spielen sie in der Domkirche. Eine Spielstätte, ich die für diese Musik einfach nur genial finde. Ich werde hier darüber berichten.
 
Zur Gestaltung der CD haben beide Musiker beigetragen. Das Deckblatt und die Zeichnungen im Booklet stammen von Thorhild Ostad, während Carsten Dahl mit einem Bild auf der Innenseite zum Gelingen beigetragen hat. So erhält die CD eine ganz persönliche Note. Und wer sie nun bestellen möchte kann dies hier tun:
 
 
Text: Kerstin Siemonsen

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Weihnachten kann kommen:

Einspielbesprechung von Michael Kalthoff-Mahnke

Nils Landgren „Christmas With My Friends V“

Zum fünften Mal legt Nils Landgren eine Weihnachts-CD vor. In diesem Jahr macht er damit eine besondere Freude. Nie waren der Schwedische Jazz-Posaunist und seine filigranen Mit-Spieler besser als zu diesem Fest.

Ganz ehrlich: Das habe ich nicht erwartet. Aus guter (Weihnachts-) Tradition habe ich „Christmas With My Friends V“ in den CD-Spieler geschoben. „Ist ja nicht die erste Weihnachts-CD von Landgren“, denke ich. Von der ersten, erschienen 2006 (!), war ich begeistert. Die Nachfolger waren nett, konnten aber bei weitem nicht an Nummer eins heranreichen. Und jetzt also: Die Fünfte! Schon bei den ersten  Klängen des Bachschen Chorals „Morgenstern und Morgenlicht“ wird mir ganz feierlich zumute und eine vorweihnachtliche Gänsehaut läuft über meine Unterarme. Beim temperamentvollen „Joy Oft The World“ habe ich Kerzenglanz in meinen Augen, der heiter-musikalische Dialog „Baby Ist’s Cold Outside“ treibt mir ein mildes Schmunzeln ins Gesicht und beim souligen Traditional „Go Tell Ist On The Mountain“ erwische ich mich, wie ich mit dem Fuß im Takt wippe.

Und so geht es weiter: Nils Landgren und seine musikalischen Freunde haben von traditioneller bis moderner Weihnachtsmusik einen bunten Strauß zusammengesteckt – mal klassisch, mal jazzig, mal besinnlich, mal fetzig. „It is a whole lot of fun to do the research together with my Christmas friends“, schreibt Landgren im Innenteil des CD-Covers. Die Freude, mit der die Musiker Landgrens Arrangements spielen, springt sogleich auf den Hörer über. Und was sind das für Musiker, alles Meister ihres Fachs. Allein die stimmliche Vielfalt besticht:  Jeanette Köhn mit zartem, klassischen Sopran, ebenso Jessica Pilnäs mit klarer Jazzstimmung, der Blues von Sharon Dyall und immer wieder Ida Sand, die mit ihrem smoothigen Alt als „Schwarzeste Stimme Skandinaviens“ gilt. 18 Mal große Freude. Landgren ist eine Riesenüberraschung  gelungen. Die CD liegt spielbereit in meiner Nähe und wird mich musikalisch durch den Advent und die Weihnachtszeit begleiten. Im Haus oder im Auto, „Now The Time Is Here“.

P.S. Bugge Wesseltofts „It’s Snowing On My Piano“ wird natürlich in dieser vorweihnachtlichen Zeit ebenfalls nicht fehlen.

Nils Landgren, Christmas With My Friends V. Erschienen 2016 bei ACT

Text: Michael Kalthoff-Mahnke

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Einspielbesprechung von Kurt Rade:

„JOULU & JUL“ von Tuija Komi Weihnachtslieder aus Finnland und Skandinavien
 
Tuija Komi – Gesang
Walter Lang – Piano
Peter Cudek – Bass
Martin Kolb – Drums
 
Eigentlich ist es nicht mein Ding Weihnachts-Cd´s zu besprechen aber diese von Tuija Komi ist mit viel Herz und Engagement eingespielt worden.
 
Tuija Komi ist gebürtige Finnin, lebt aber schon viele Jahre in München und ist dort in der Jazz-Szene beheimatet. Bekannt ist sie in Finnland und Skandinavien, wie natürlich auch in Deutschland durch Einspielungen von traditionellen bis modernen Jazz. Sie hat eine klare Stimme des Nordens der man natürlich auch die Melancholie anhört.
 
Das macht diese Einspielung auch so hörenswert, denn sie ist durch und durch Jazz, mit tollen Solos, jazzig arrangiert, hat einen Hauch der Weite des Lapplandes. Wenn man nicht wüsste dass es Weihnachtslieder sind, könnte man sie sich zu jeder Jahreszeit anhören.
 
Besonders gefallen hat mir „Hiutaleet maahan leijailee“ (Schneeflocken fallen leise) und „En etsi valtaa loistoa“ (Ich suche keine Macht, keinen Glanz) natürlich aus Finnland.
 
Beide Stücke werden mit einer unglaublichen Zärtlichkeit gesungen und wunderbar interpretiert und sind nicht für eine Sekunde schmalzig oder rührselig. So was hört man so nicht alle Tage. Das Pianosolo von Walter Lang auf „Schneeflocken fallen leise“ ist sensibel und feinfühlig gespielt.
 
Man hört klar heraus, dass alle Musiker von den Stücken überzeugt sind und es muss ihnen einen Riesenspaß gemacht haben diese Cd einzuspielen. Hier ist eine Jazz-Weihnachts-Cd gelungen und ein schönes Geschenk für die Lieben.
 
 
Text: Kurt Rade

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Die Einspiel Besprechung:

„Marie Mokati Break Loose“

Marie Daniels – Gesang / Komposition
Tim Bücher - Gitarre
Moritz Götzen – Kontrabass
Karl F. Degenhardt – Schlagzeug

Sitze gerade am Schreibtisch und höre mir zum x-ten Male die neue CD von Marie Daniels und ihrem Quartett an. Hier riskiert sie einen Sprung vom Jazz im herkömmlichen Sinne, zum Songwriter mit allen neuen Vielfältigkeiten die ihr zur Verfügung stehen.
Ihre so und so schon herrliche Stimme ist zu einer Kunstform gewachsen, wodurch sie den Kompositionen und durch die Veränderbarkeit ihrer Stimme verschiedene Leben einhaucht.
Marie integriert nun, was den Jazz bereichert. Ob Soul, Funk, Lyrik oder Folk, bildet Marie aus diesem eine spannende Synthese die voller Leben ist.
Auch ihre Texte stehen mitten im Leben und sind keine verträumten Illusionen. Hier bringt sie ihre junge Lebenserfahrung mit ein und spricht eine Sprache in der sie ihre Generation zum Nachdenken anregt.
Beeindruckend ist auch wie begeisternd ihre Band sich ihrer Veränderung anpasst. Als wenn es eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre, leben sie voll in den Kompositionen auf und man wundert sich welche Fähigkeiten in ihnen stecken. Mal sehr wuchtig oder mit großem Feingefühl, begeisternd und konzentriert, wird diese schon lange zusammenspielende Band zu einer großen Bereicherung der Jazzscene in Deutschland. 
Es gibt einige Jazz-Sängerinnen die ihre Farben wechseln, vor allen Dingen die Nordischen Interpretinnen erfinden sich dadurch immer neu.
Auch Marie geht hier den richtigen Weg, denn Stillstand kennt sie nicht.
Aus ihren Kompositionen kann ich eigentlich keine besonders hervorheben, es sind wunderbare Melodien mit viel Einfühlungsvermögen, großer Intensität und mit unglaublich viel Liebe interpretiert.  

Diese Einspielung zu besitzen lohnt sich.

http://mariedaniels.de/projekte/

Text & Fotos: Kurt Rade 
Cover Fotos: Christian Hengst

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Einspiel-Besprechungen:

   

„QUESTIONS“
Rüdiger Scheipner – Tenor, Sopransaxophon, Bassklarinette
Tarik Dosdogru – Vibraphone

Tarik Dosdogru hörte ich zum ersten Mal im domicil in Dortmund bei dem Projekt „Dortmunder Jazzwerkstatt“ Auffällig war seine lockere Spielweise, ernsthaft bei der Sache und ein starkes Einfühlungsvermögen für seine Musiker.
Leider hatte ich noch nicht die Möglichkeit Rüdiger Scheipner Live zu hören.
„Questions“ ist eine sehr vielseitige und zum genauen Hinhören geprägte Einspielung.
Das Stück „Good Bey“ transportiert alle Gefühle des Abschiednehmens und wird von beiden Musikern überzeigend gespielt. Es befällt einem eine gewisse Traurigkeit, das aber ein Zeichen für das umgesetzte Thema ist wie es auch sein soll. Rüdiger Scheipner glänzt hier mit einem Solo dem der Schmerz des Abschiedes anzuhören ist. Mal Schreiend oder ganz leise wird die Ballklarinette zum Werkzeug des Ausdrucks.
Mit „Paula“ wird die Lebenslust und Freude daran zum Ausdruck gebracht. Fast zum Tanzen angeregt macht es einen Riesen-Spaß hier zuzuhören.
„Hade“ ist auf der Einspielung die einzige Komposition von Tarik Dosdogru. Die Wurzeln sind unverkennbar. Orientalische Ton-Läufe, springende Tonbildung und ein explodierendes Thema verlangt beiden alles ab. Wie das Laufen auf einen Berg hinauf geht es höher und höher. Oben treffen sich beide und genießen das Verweilen um mit dem Thema das Stück abzuschließen.
„Spoon Moon“ eine wunderbare Ballade von Rüdiger Scheipner. Ein ruhiges Thema worauf Tarik Dosdogru herrlich improvisiert. Beeindruckend wie Tarik mit seinen Klöppeln und dem Vibrafon eine Klangwelt produziert die von äußerster Sensibilität ist.
Eigentlich sind alle Kompositionen ausgereifte Stücke und von hoher Qualität. Es ist ein Genuss der Einspielung vom Anfang bis zum Ende zuzuhören. Hier bleiben keine Fragen offen.
http://dosdogru.de/ http://www.monarecords.productions/last-release
Text: Kurt Rade
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